Außen lodert’s, innen brodelt’s

von Redaktion

Bejubelte Premiere von Bizets Oper „Carmen“ in Amerang

Amerang – Manchmal deckt sich die Realität mit der gespielten Realität: Im Schloss Amerang war’s am Sonntagnachmittag genauso heiß wie in Sevilla, wo sich Bizets Oper „Carmen“ abspielt. Und genauso heiß waren die hochkochenden Emotionen auf der Mini-Bühne vor dem Bühnenbild von Hendrik Müller mit Stierkampfarena, hochragenden Häusern und einem von oben drohenden Stierkopf.

Das auf achtzehn Musiker reduzierte Orchester produzierte unter der umsichtigen Leitung von Marco Moresco einen extrem geschärften Klang: Die Geigen gleißten, die Trompeten dröhnten zum Abend-Appell, die Celli drohten mit dunklem Schicksalston, der Schlagzeuger brillierte präzise mit Becken, Pauken und Trommeln.

„Böse, raffiniert,
fatalistisch“

Diese Musik verneint den ersten Satz von Friedrich Nietzsche über „Carmen“: „Sie kommt leicht, biegsam, mit Höflichkeit daher. Sie ist liebenswürdig“, sondern bestätigt den zweiten Satz: „Diese Musik ist böse, raffiniert, fatalistisch.“

Ingo Kolonerics, der Intendant und Regisseur der Opernfestspiele Schloss Amerang, musste hier nicht viel Regiearbeit leisten. Das tat die Titelheldin alleine, die als dramatischer Turbobeschleuniger agierte. Die russische Altistin Julia Gordina erfüllte diese Rolle mit soviel Leben, dass es für alle anderen Mitspieler reichte. Rein äußerlich schon die ideale Carmen mit schlanker Gestalt, schwarzen Haaren, aufreizend aufgeworfenen oder ironisch gekräuselten Lippen und glühenden Augen, lockt sie vor allem mit einem dunklen, schnell aufblühenden, bisweilen in unbewusste Tiefen tauchenden Alt: Außen lodert’s, innen brodelt’s. Sie ist von umwerfender Wucht. Bei ihrem Auftritt knistert die Luft vor Erotik. Wenn sie mit ihren glühenden Augen wie ein Stier mit gesenkten Hörnern auf José losgeht und ihm die Blume zornig vor die Füße wirft, muss man fast Mitleid mit diesem armen Bergbauernsohn haben, den es unter die Soldaten verschlagen hat. Über den Strick, mit dem sie gefesselt wird, lacht sie bloß, und gefesselt umschlingt sie José geradezu mit ihren erdigen Mezzo-Tönen, die verführerischer als Berührungen sind. Um diese Carmen mit Liebes-Urgewalt müssten sich eigentlich alle Opernhäuser und alle Festivals reißen.

Adria Mas als Don José (sein Rollen-Debüt: was man überhaupt nicht merkt) wehrt sich dagegen mit großer tenoraler Stimmkraft, die sich entlädt in schmerzlichen Ausbrüchen, gemischt aus ohnmächtiger Liebe und eifersüchtigem Zorn.

Wohlklingend und bisweilen sogar wohlig ist sein sehr agiler Tenor, der mühelos durch die Register wandert und auch schön ins flehentliche Piano absinkt, im Duett mit Micaela aus seinem Heimatort, die ihn liebt, da wird seine Stimme weicher und zärtlicher: Beide wären als Paar wohl glücklicher geworden. Zumal Selin Dagyaran (auch ihr Rollen-Debüt) alle stimmlichen Mittel aufbietet: Lieblich aufblühend ist ihr Sopran, doch auch liebesversprechend und ebenfalls temperamentvoll. Im kleinen Orchester hört man, wie Bizet ihr die hellsten Bläserfarben schenkt. Nur dürfte sie bei aller lyrischen Glückseligkeit nicht vergessen, dass sie nicht nur Melodien schenkt, sondern auch etwas zu erzählen hat: Mehr Konsonanten würden ihr dies erleichtern.

Doch in dieser Inszenierung ist jede Rolle glänzend besetzt: Nejat Isik Belen prunkt wieder als Torero – leider ohne Hut – mit viriler Bassgewalt und Vedat Sezer als Leutnant Zuniga mit befehlsgewohntem Bariton. Buket Filiz und Isabelle Nahrstedt als Mercedes und Frasquita singen tadellos strahlend und spielen ganz natürlich Carmens treue Freundinnen: wieder ein Rollendebüt, ohne dass man’s merken würde.

Sie liebt,
wen sie will

Auch wenn man’s weiß, ist man am Ende mitgerissen von den Schmerzensrufen des Don José und der stolzen erotischen Selbstbestimmung von Carmen, und man ist doch erschreckt, wenn José die ihn zurückweisende Carmen ersticht: Sie liebt, wen sie will, und muss dafür sterben. Ein klassischer Femizid. Die gespielte Realität ist fast Realität geworden. Die Zuschauer im nicht ausverkauften Arkadenhof des Schlosses jubeln und spenden stehende Ovationen.

Zu sehen ist „Carmen“ noch einmal am Samstag, 4. Juli, um 18 Uhr. Karten gibt es unter Telefon 08075/ 91920 oder unter konzerte@schlossamerang.de.

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