„Ukrainische Kultur zynisch zerstört“

von Redaktion

Interview Dr. Olena Balun erhält Ehrung für die Rettung ukrainischer Kulturgüter

Rosenheim/Lwiw – Die Stadt Lwiw in der Ukraine hat Dr. Olena Balun, Professor Dr. Kilian Heck und Dr. Johannes Nathan mit der Borys-Wosnytskyi-Medaille für Kulturschutz geehrt. Sie sind Mitgründer des Ukraine Art Aid Center UAAC. Die Organisation unterstützt ukrainische Kulturinstitutionen, deren Bestände und Sammlungen vom russischen Angriffskrieg bedroht sind. Dr. Balun ist promovierte Kunsthistorikerin und lebt in Rosenheim. Sie war Vorsitzende des Kunstvereins Rosenheims und arbeitet für die Akademie der Bildenden Künste in München.

Was bedeutet Ihnen die Verleihung der Medaille persönlich?

Ich fühle mich sehr geehrt. Borys Wosnytskyj war ein Kunsthistoriker, dessen Verdienst auf dem Gebiet der Kulturgutrettung in der Ukraine beispiellos ist. In Deutschland ist wenig darüber bekannt, dass in der Sowjetunion über mehrere Jahrzehnte hinweg die ukrainische Kultur und Geschichte auf eine zynische Art vorsätzlich zerstört wurde. Wir sprechen hier von Denkmälern verschiedener Epochen vom 12. bis 19. Jahrhundert. Kirchen, Kathedralen, Synagogen wurden oft zu Lager- oder Sporthallen umfunktioniert, Schlösser wurden dem Verfall überlassen, auf historischen Friedhöfen wurden Industriebauten oder Stadien gebaut. Das kulturelle Gedächtnis wurde auf eine demütigende Art ausradiert. Wosnytskyj protestierte dagegen, suchte solche Stätten auf und rettete trotz Verboten über 36.000 ukrainische und auch europäische Kunstwerke. Darunter zum Beispiel einen Altar von Johann Georg Pinsel oder auch eine Grabskulptur von Berthel Thorwaldsen. Jetzt wiederholt Russland diese Schandtaten im Angriffskrieg. Als Kunsthistorikerin sehe ich meine Pflicht darin, den Kampf dagegen zu unterstützen. Die Auszeichnung, die den Namen von Wosnytskyj trägt, dafür zu erhalten, war mir eine sehr große Ehre.

Welche Art Arbeit leistet das UAAC?

Das Ukraine Art Aid Center arbeitet seit Frühjahr 2022 sehr aktiv an der Kulturgutrettung in der Ukraine. Zunächst waren es Hilfslieferungen mit Feuerschutz-, Verpackungsmaterialien und Klimageräten für die Notlagerung der Kunstwerke und Archivbestände. Sehr schnell kamen zahlreiche Projekte zur Bauertüchtigung und Notreparaturen, die nach den Bombardements immer wieder notwendig wurden. Digitalisierungsprojekte sind Teil der Arbeit, dabei geht es um das Scannen der Baudenkmäler, der Archivbestände, in einzelnen Fällen auch der Museumssammlungen – sowohl für den Fall der Beschädigung oder Zerstörung, als auch für die Nachverfolgung bei der Entwendung der Bestände. Ganze Sammlungen wurden durch russische Streitkräfte im Süden und Osten der Ukraine bereits gestohlen und neu etikettiert. Auch unterstützen wir die Restaurierung der beschädigten Kunstwerke, vor allem mit Materialankauf, aber auch Workshops. Zu besonders schwierigen Projekten gehören Evakuierungen. Eine haben wir neulich sehr erfolgreich unterstützt, sie wurde vom Leiter des Museums der Museums für ethnographische Kunst organisiert. Das Museum wurde übrigens einst von Borys Wosnytskyj gegründet.

Welche Schwierigkeiten muss die Organisation bewältigen?

Die schlimmste Herausforderung ist, ständig im Reaktionsmodus zu sein, mit weiteren Zerstörungen zu rechnen. Man kann nie genug im Voraus tun. Egal, wie viel man macht, ist man einen Schritt hinterher. Das ist frustrierend, aber das ist kein Grund aufzugeben. Wir versuchen, die Lager unserer Hubs in der Ukraine gut zu füllen, aber die Regelung sieht die Verteilung der Hilfsgüter in kürzester Zeit nach der Lieferung vor, was dazu führt, dass im Notfall nicht immer genug da ist, und jede nächste Lieferung aus Deutschland dauert logischerweise. Wir versuchen, so unbürokratisch zu arbeiten, wie nur geht, trotzdem gibt es Hürden.

Kürzlich beschädigte das russische Militär das berühmte Kiewer Höhlenkloster schwer, welches den Status Unesco-Weltkulturerbe trägt. Welche Strategie verfolgt Putin mit solchen gezielten Angriffen?

Es beschädigte sehr stark die zentrale Kathedrale und mehrere Museen im Komplex und auch außerhalb davon nahe liegende Kulturinstitutionen. Das Höhlenkloster ist eine der wichtigsten Kulturstätten der Ukraine und der orthodoxen Welt. Es ist eine alte Klosteranlage, die im 11. Jahrhundert gegründet wurde und die immer noch intakt ist. Es ist eine Kunststätte mit Architekturdenkmälern und Museen, die in vielerlei Hinsicht stellvertretend und unentbehrlich für die Kultur und Geschichte der Ukraine ist. Welche Strategie verfolgt man wohl, wenn man die Zerstörung solcher Orte in Kauf nimmt?

Der „Spiegel“ titelte gerade „Unser Krieg gegen Russland“, was bereits viele Proteste nach sich zog, schließlich hat Hitler weitere Länder überfallen. Was sagen Sie aus ukrainischer Sicht dazu?

Es ist eine erstaunliche Ignoranz, und es geht hier nicht nur um die ukrainische Sicht, wenn man nach all den Jahren das imperiale Narrativ wiederholt und die Sowjetunion mit Russland gleichsetzt. Die UdSSR bestand aus 15 Republiken, die sich nicht freiwillig Russland angeschlossen hatten. Es war Kolonialismus mitten in Europa. Dieses Narrativ zeigt eine große Missachtung gegenüber all diesen Ländern der Sowjetunion, ganz besonders der Ukraine, die eines der Hauptschlachtfelder war, zweimal von den Fronten überrollt wurde und die größten Verluste in der Bevölkerung erlitten hat, schätzungsweise acht bis zehn Millionen von 27 Millionen Kriegstoten in der gesamten UdSSR.

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