Zuallererst: Was ist denn überhaupt Althochdeutsch? Ist damit etwa die Zeit gemeint, als man statt „Tschüss“ noch „Auf Wiedersehen“ sagte, als man statt zu „kucken“ noch „schaute“? Knapp daneben!
Der Begriff „althochdeutsch“ bezeichnet eine sprachliche Epoche, die etwa im Jahre 750 n. Chr. begann und 300 Jahre später endete, weil sich das Hochdeutsche damals zur mittelhochdeutschen Sprachstufe änderte, worauf, wieder 300 Jahre später, die neuhochdeutsche Sprachepoche begann, und zwar zuerst mit ihrer frühneuhochdeutschen (1350 bis 1650) Variante, danach mit der Variante „modernes Neuhochdeutsch“. Manche Fachleute unterscheiden sogar noch ab 1950 eine Variante „zeitgenössisches Neuhochdeutsch“. Darunter ließen sich wohl die vielen neuen Anglizismen in der deutschen Sprache von heute einordnen, aber auch viele Wörter und Wendungen, die aus dem niederdeutschen Sprachraum ins Hochdeutsche gelangen, wozu die Begriffe „Tschüss“ und „kucken“ sicherlich gehören. Was ist aber gleich wieder „niederdeutsch“? Niederdeutsch wurde bis ins 17. Jahrhundert in Handel und Verkehr im norddeutschen Sprachraum verwendet. Heutzutage existiert es noch unter dem Namen „plattdeutsch“. Es war die Umgangssprache in den heutigen Bundesländern in Norddeutschland, beispielsweise im Raum Hamburg, Bremen, Hannover und Mecklenburg-Vorpommern. Die Menschen in diesen weiten Gebieten lernten Hochdeutsch erst in etwas späteren Zeiten.
Wo aber wurde denn Hochdeutsch gesprochen, wenn nicht in Hannover? Die sprachwissenschaftliche Antwort lautet: Nein, nicht in Hannover, wie so gerne und so oft behauptet wird, sondern bei uns. In unseren Regionen, und zwar vom Rheinland bei Düsseldorf-Benrath und von Sachsen („Benrather Linie“) aus bis hin zu den Alpen. Etwa ab 750. Die Bestätigung dieser Behauptung findet man unter anderem in der Schreibung unserer Ortsnamen vor.
Hierfür eignet sich ein kleiner Ort im südlichen Landkreis Rosenheim, am Fuße der Farrrenpoint und des Sulzbergs: Litzldorf! Aber warum kann das Pfarrdorf „Litzldorf“ als perfekter hochdeutscher Name gelten? Der Ortsname ist für 849 in einer Freisinger Traditionsurkunde (Nr. 708) als „Lutzilindorf“ überliefert. Und diese Sprachform lässt gleich zwei hochdeutsche Deutungen zu. Einerseits kann das Adjektiv „luzil“ = klein vorliegen. Mit der Endung -in gibt es eine Ortsangabe auf die Frage „Wo?“ an. Niederdeutsch würde der Name „Lüttelindorf“ gelautet haben, da in Hannover und Umgebung damals aus dem /t/ kein /ts/, geschrieben als z oder tz, existierte. Englisch „little“ und niederdeutsch „die Lütten“ (= Kinder, die Kleinen) haben den germanischen Lautstand bewahrt. Hochdeutsch aber machte aus „tide“ Zeit, Gezeiten, aus „maken“ machen, aus „pund“ Pfund.
Neuere Forschungen setzen auf den Personennamen „Lutzilo“. Lutzilin kann bedeuten: des Lutzilo. Dorf des Lutzilo. Daraus entwickelte sich der Vorname „Lutz“, der ein Kosename für „Ludwig“ ist. Aber auch hier liegt eine hochdeutsche Form vor, denn „Ludwig“ lautet niederdeutsch „Lütje“ oder nur „Lut“ – ohne Veränderung von t zu z. Litzldorf – das kleine Dorf – hochdeutsch und im Feiern: Ganz groß! Gratuliere, „Lisldarf“ – auf guad Boarisch! Armin Höfer