Erl – Vielleicht sollte man einfach Politiker nicht bei Eröffnungskonzerten reden lassen. Und wenn doch, sollte man ihnen vielleicht die Redezeit vorgeben. Sonst erzählen sie, welch wichtiges Amt sie gerade turnusmäßig abgeben mussten oder mit welchen Zelebritäten sie jüngst essen waren. Beim Eröffnungskonzert der Tiroler Festspiele Erl dominierten die Reden fast das musikalische Programm.
Bei seiner sehr kurzen Begrüßung gab Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner wie immer das Motto „Europa“ vor. Der Tiroler Landeshauptmann Anton Mattle charakterisierte die Erler Festspiele als „Raum für gemeinsames Nachdenken“. Kurz und knackig hielt die österreichische Außenministerin Beate Meinl-Reisinger ihre Eröffnungsrede und empfahl trotz der scheinbaren Ohnmachtsgefühle in der Bevölkerung „Zuversicht“ für Europa. Inhaltlich richtig, aber langatmig und langweilig vorgetragen waren die „sieben Brücken“, über die man gehen sollte, um Europa zu stärken, von Maria Berger, ehemaliger EU-Abgeordneter, ehemaliger Justizministerin und ehemaliger Richterin am Europäischen Gerichtshof. So langatmig, dass Unmut und Unruhe im Publikum aufkamen, die in „Aufhören!“-Rufen gipfelten, sodass Haselsteiner die Zuhörer zu Anstand und Höflichkeit ermahnen musste. Diese Zuhörer wollten Musik statt Reden. Der Redensanteil verlängerte sich so um eine Dreiviertelstunde und die Musik des ersten Teils verkam endgültig zur Zwischenaktmusik.
Schade für die „Drei Bruchstücke aus der Oper ‚Wozzeck‘“ von Alban Berg. Die sang die russische Sopranistin Lidia Fridmann hochdramatisch mit dunkelglühender Stimme zu sehr samtenem Orchesterklang. Asher Fisch ließ das Orchester zwischendurch auch musikalisch seufzen und animierte es zu schauriger, wüst-schöner Marschmusik sowie einer erregenden Lamento-Steigerung am Ende in d-Moll.
In d-Moll ist auch Bruckners 3. Symphonie gehalten. Asher Fisch dirigierte auswendig, baute mit dem Kopfthema, das mit dem Quint-Oktav-Sprung der Trompete ein „Majestätssymbol“ darstellt, sofort Entwicklungsspannung auf, ließ das innige zweite Thema aufblühen und die sauberen Hörner und die übrigen Blechbläser machtvoll aufstrahlen. Aber noch war alles eher addierend als strukturierend, noch verdichtete sich nicht alles zur innerlichen Dringlichkeit. Doch schon der zweite Satz wurde drängender wie ein singendes Gebet, das Scherzo stürmte stampfend und donnernd dahin im niederschmetternden Dreiertakt, mittendrin walzte der gemütliche Landler – als ahnte Bruckner schon Mahler voraus.
Endgültig angekommen schien das Orchester dann im Finale, das „auf Zug“ kam. Reizvoll kostete Asher Fisch den Gegensatz von himmelsstürmender Bläserchoral-Feierlichkeit und dem etwas taumelnden zweiten Thema aus, das wirkte, als wenn ein Österreicher beschwipst Polka tanzt: „Leben zwischen sakraler Feier und Dorffest“ titelte das Programmheft dazu. Der große berechtigte Jubel nach der finalen triumphalen Wiederkehr des Anfangsthemas war demonstrativ: mehr Musik als Reden!