Halfing/Immling – Eine Jubiläumsgala darf, ja muss leuchten. Beim Immling Festival im Chiemgau war zum 30-jährigen Bestehen genau jene Wärme zu spüren, die entsteht, wenn große Musik nicht nur feierlich erklingt, sondern Menschen miteinander verbindet: Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“, sein aufglühender „Don Juan“ und Beethovens Neunte Symphonie öffneten dafür einen hoffnungsvollen Klangraum. Einen Raum, in dem das, was Beethovens Neunte im Schlusschor beschwört, für einen Abend fast greifbar wurde: Alle Menschen werden Brüder. Dieses Leuchten aus dem Innersten der Musikerinnen und Musiker, das bis in den letzten Winkel des großen Festspielhauses strahlte und die Zuhörer erreichte, machte den Unterschied.
Dank an
treues Publikum
Denn zwischen Sekt und Selters entscheidet nicht allein das Prickeln, sondern der Glanz des Augenblicks, in dem es entsteht. Bevor aber Musik erklang, bedankte sich Intendant Ludwig Baumann bei seiner Frau Cornelia von Kerssenbrock, die Musikalische Leiterin ist, dem treuen Publikum, den unzähligen Mitstreitern, die das Festival zu dem gemacht haben, was es heute ist – last not least bei Sponsoren und staatlicher Förderung.
Ihren Dank an das Festival ihrerseits drückte Dr. Angelika Niebler, Mitglied des Europäischen Parlaments, aus: „Immling hat einen unverwechselbaren Charakter von Begegnung und Gemeinschaft, jenseits des Gängigen.“ Landtagsabgeordneter Daniel Artmann meinte augenzwinkernd, dass „der Götterfunken auf dem grünen Hügel liegt“ und, dass Musik fernab von Politik, Menschen verbindet.
Musik beginnt nicht erst mit dem ersten Ton. Sie beginnt in der wachen Aufmerksamkeit davor – und genau dafür hat Cornelia von Kerssenbrock ein feines Gespür. Seit 25 Jahren prägt sie das Immling Festival mit einer Ruhe und Souveränität, die aus Erfahrung, Vertrauen und genauer Kenntnis der musikalischen Kräfte erwächst.
Das Immling Orchester ist unter ihrer Leitung zu einer wachen Klanggemeinschaft geworden – geformt über Jahre, gefordert im Detail, bereit, auf kleinste Zeichen zu reagieren und große Bögen aus gemeinsamem Atem zu entwickeln. Bei diesem Galakonzert musizierte es gemeinsam mit der Innphilharmonie Rosenheim und gewann dadurch zusätzliche klangliche Fülle. Aus dieser erwartungsvollen Ruhe setzte Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ an: Aus tiefem C, Orgelgrund und Trompetenfanfare wuchs eine große Klanggeste zwischen feierlicher Setzung und eruptivem Ausbruch. Gewaltig. Ein Hörerlebnis der Superlative.
Spannungsfeld aus
Aufbruch und Klang
Strauss‘ sinfonische Dichtung entstand 1896 nach Nietzsche und folgt in freien Abschnitten dessen philosophischem Text. Zwischen „Sonnenaufgang“ und „Nachtwandlerlied“ entfaltet sie ein Spannungsfeld aus Aufbruch, orchestraler Pracht und überwältigender Klangwirkung.
Mit „Don Juan“ blieb Strauss bei der sinfonischen Dichtung, wechselte aber vom metaphysischen Höhenflug in ein fiebrigeres, dramatischeres Temperament. Das Werk zeigt keinen bloßen Verführer, sondern eine Figur im Rausch der Möglichkeiten – getrieben von Verlangen, Sehnsucht und der Ahnung des Scheiterns. Das hört man. Flammende Streicherfiguren, auftrumpfendes Blech, lyrische Inseln und schroffe Umschläge treiben das Geschehen voran, bis die rauschhafte Energie in einen überraschend leisen, fast erschöpften Schluss kippt. Viel Luft nach oben schien nach Strauss‘ klangmächtigen Entwürfen kaum zu bleiben.
Und doch führte Beethovens Neunte den Abend noch einmal auf eine höhere Ebene. Hier fand alles zusammen – Orchester, Festivalchor Immling, die Solistinnen und Solisten Maria Natale, Sarah Rafaela Mair, Vasyl Solodkyy und Alexey Bogdanchikov sowie das Publikum. Ein gemeinsamer Herzschlag, der jenen großen Gedanken des Schlusschors beschwört: Alle Menschen werden Brüder. In Immling bekommt diese Zeile eine ganz eigene Wirklichkeit. Wenn Künstlerinnen und Künstler aus vielen Nationen miteinander friedlich musizieren, ersetzt Musik die Worte und überwindet Sprache – und schlägt jene Brücke zwischen Völkern, Nationen und Generationen, von der Beethoven und Schiller träumten. Bravo!