Münchner Philharmoniker locken auf die Alm

von Redaktion

Von Minimal-Music bis zur Mozart-Oper auf den Frasdorfer Niederalmen

Frasdorf – Auf die Frasdorfer Niederalmen wandern und dort klassische Musik – dargeboten von den Münchner Philharmonikern in kleiner Besetzung – genießen, nichts leichter als das. Einmal im Jahr verwandeln sich die Ställe der Rauchalm, der Hofalm und der Schmiedalm in Konzertsäle. Für den Kulturgenuss auf gut 900 Metern Höhe muss man zwar erst einmal aufsteigen, doch oben erwartet den Wanderer ein einzigartig arrangiertes, charmant moderiertes und virtuos zu Gehör gebrachtes Programm. Dem Cellisten in die Notenblätter schauen? Den Trommelschläger des Percussionisten auffangen? Oder auf Geheiß der Konzertierenden zusammenrücken? Vor dem Konzert oder doch erst danach die kulinarischen Angebote der Almbauern probieren? All das macht den Reiz der Konzerte „auf da Oim“ aus.

Als geneigter Konzert-Wanderer hat man die Wahl der Qual: Zur Matinee auf der Rauchalm sich den Klängen des Celloquartett „IsarCellists“ hingeben oder Oskar Maria Grafs Erinnerungen bei einer musikalischen Lesung auf der Hofalm lauschen? Die Rezensentin entschied sich für Letzteres: Matthias Ambrosius (Klarinette) und Quirin Willert (Akkordeon, Posaune), umrahmten bestens miteinander harmonierend die Auszüge aus den „Dorfbanditen“ und aus dem „Notizbuch des Provinzschriftstellers.“ Amüsant, wie Gerd Anthoff den jungen Oskar gab, wie er den amerikanischen Akzent seines nach Amerika ausgewanderten und dort reich gewordenen Bruders Eugen bei dessen Heimaturlaub nachmachte oder von der Reise seiner Mutter mit Eugen nach Rom berichtete. Will man mit dem Amerikaner tauschen? Wird Eugen in der Heimat überhaupt noch erkannt? Auch manche Beschreibung der Arbeitsverhältnisse warf die Frage auf, ob die gute alte Zeit wirklich so gut war.

Am frühen Nachmittag dann die nächste Entscheidung: Zu „Blech & Strings“ auf die Schmiedalm oder zu „Duo Percussion“ auf die Rauchalm? Beides spannend, aber wann steht schon mal die Trommel im Mittelpunkt? John Cages „Composed Improvisation for Snare Drum alone“ dauert acht Minuten – „plus vier Sekunden zum eingrooven“. 8:04 steht auf einem rückwärtszählenden Ziffernblatt auf dem Tablet – und bei 8:00 legte Jörg Hannabach los, mit Schlägern, mit Händen, mit einer metallenen Glocke, angeschlagen oder auf dem Fell liegend: klangliche Vielfalt und rhythmische Opulenz.

„Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt,“ meinte Sebastian Förschl mit Verweis auf die vor dem Konzert verteilten Ohrstöpsel. Doch nein, die Neugierde überwog: „Rebonds B“ von Iannis Xenakis ist archaisch und experimentell, ist lebendig und tonbewusst, ist ungewöhnlich und doch klassisch strukturiert im Aufbau: Da gab’s wirklich was auf die Ohren – aber im angenehmen Sinne! Nach Maracas und Tonband, nach „stop speaking“ mit Trommeln und Stimme vom Apple-Computer sowie einem fulminanten Duett für zwei Trommler gab es zum Finale „die kleine Tischmusik:“ mit jeweils zwei Kochlöffeln „bewaffnet“, einander an einem schmalen Tisch gegenübersitzend. Für den tosenden Applaus bedankten sich die beiden mit „Clapping music“ von Steve Reis.

Von Minimal Music zur Oper im Mini-Format auf die Schmiedalm: Mozarts „Don Giovanni“ boten Michael Martin Kofler (Flöte), Clement Courtin (Violine), Burkhard Sigl (Viola) und Sissy Schmidhuber (Violoncello). Das Libretto fasste Gottfried Franz Kasparek mit einem bisweilen leicht sarkastischen Blick, aber doch unverkennbar mit großem Verständnis und Liebe zur Musik zusammen. Don Juan/Don Giovanni, ein Freibeuter in ganz Europa, „da ist jeder heutige Frauenheld ein kleiner Fisch…“

Genauso schwärmerisch, selbstbewusst und durchtrieben wie Kasparek das Werben des Don Giovanni um die Gunst der Damenwelt schilderte, setzte das Quartett dieses amouröse Streben um. Ist Don Giovanni ein Teufel? Die Dramatik, die mit dem Auftritt des steinernen Gasts entsteht, brachte das Streichquartett so unnachahmlich düster daher, dass einem wirklich angst und bange wurde. Doch später – Don Giovanni ist längst in der Hölle – endet alles versöhnlich, das Gesangssextett – hier das Streichquartett – verkündet die Moral von der Geschichte. Mit viel Schwung, mit viel Leidenschaft. Fast zu schön, oder hatten Mozart und da Ponte nicht doch auch Verständnis für den Gesetzlosen? Mit der Champagnerarie im Ohr ging es wieder hinab nach Frasdorf. Das nächste Almkonzert 2027 ist schon fest eingeplant.

Elisabeth Kirchner

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