Ein dichtes Netz zahlreicher Gelehrter

von Redaktion

Vortrag über die Aufklärung in Salzburg und Altbayern bei der Goethe-Gesellschaft

Rosenheim – „Sie werden nicht die Wahrheit über die Aufklärung erfahren. Vielmehr möchte ich Impulse geben und zum eigenen Lesen anregen“, erklärte Simon Hausstetter den Zuhörern zu Beginn seines Vortrags mit dem Titel „Die Aufklärung in Salzburg und Altbayern“. Hausstetter sprach auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Künstlerhof am Ludwigsplatz. In einer knappen Stunde führte Hausstetter das Publikum in die ein wenig unübersichtliche Thematik ein. Der Referent hat sich mit den Spuren der Aufklärung nicht nur in Salzburg und Altbayern, sondern auch in der Rosenheimer Region beschäftigt. So lebte der heute kaum bekannte Theologe und Schriftsteller Joseph Steinbichler auf Schloss Farnach bei Söllhuben. Steinbichler hinterließ Schriften zu theologischen und gesellschaftlichen Themen der Aufklärungszeit, etwa eine Arbeit mit dem Titel „Über den Einfluss von Arbeitsamkeit auf das Menschenglück“. In seinem Buch empfahl er, auf Schlaf zu verzichten. Halbgelehrte, so Steinbichler, seien nicht glücklich. Mit ihrem Mangel an soliden Kenntnissen hätten sie viel Drangsal über die Menschen gebracht. Steinbichler war Mitarbeiter der „Oberdeutschen allgemeinen Litteraturzeitung“. Er kam auch in Kontakt mit der Universität Ingolstadt, die Joseph Freiherr Ickstatt leitete. Ickstatt hatte bei dem Aufklärer Christian Wolff in Marburg Philosophie studiert, war Berater des bayerischen Kurfürsten, hob den Jesuitenorden auf und reformierte das Schulwesen. In Salzburg studierte Steinbichler Theologie. Der fortschrittliche Geist der Salzburger Universität lockte führende Wissenschaftler, Schriftsteller und Musiker aus dem deutschen Sprachraum an. Fürsterzbischof Colloredo, ein Verfechter von Reformen im Sinne der Aufklärung, reformierte das Bildungswesen und die katholische Liturgie und lockerte die Zensur. In Salzburg lehrte auch der Benediktiner Augustin Schelle, der 1792 Rektor der Universität wurde und Colloredo nahe stand. Schelle verfasste eine Schrift mit dem Titel „Versuch über den Einfluß der Arbeitssamkeit“, war jedoch ein Gegner des Kantianers und Aufklärungsphilosophen Matthäus Fingerlos. Aufgrund von Klagen über die Zustände in Salzburg wird Fingerlos verhört, muss einen Fragenkatalog beantworten und sich für eine kritische Schrift rechtfertigen, die er nicht verfasst hat. Von Colloredo wird Fingerlos als Stadtpfarrer nach Mühldorf verbannt. In Landshut brachte der konservative Theologe Johann Michael Sailer die Aufklärung in Verbindung mit der katholischen Lehre. Sein Lehrer Benedikt Stattler verfasste einen scharfsinnigen „Anti-Kant“, der die Philosophie Kants erst einem größeren Publikum bekannt machte. Resümierend stellte Hausstetter fest, dass in Bayern ein dichtes Netz zahlreicher Gelehrter existiert habe. Ihre geistigen Kämpfe hätten die Epoche der Aufklärung geprägt. Leider gäbe es darüber keine oder nur lückenhafte Forschungsstudien. „Die Aufklärung“, so Hausstetter, „ist direkt bei uns zu Hause.“ Georg Füchtner

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