Erl – Man musste sich zweimal vergewissern: Sie ist wirklich erst 17 Jahre alt, die Pianistin Sophia Liu, und zeigt doch schon enorme musikalische Reife, eigenen Gestaltungswillen und vor allem eine schier unfassbar brillante Virtuosität. Auf Virtuosität angelegt war auch ihr Programm bis hin zu den insgesamt drei Zugaben, mit denen sie den Ovationen der vielen Zuhörern im Festspielhaus Erl dankte: die von vielen Pianisten gerne gespielte Strauß-Walzer-Paraphrase „Soirée de Vienne“ von Alfred Grünfeld, den Es-Dur-Walzer von Chopin sowie einen nicht zuzuordnenden heiteren Tanz.
Zauberhaft
impressionistisch
Sophia Liu ist in China geboren, wuchs in Japan auf, lebt und studiert heute in Montreal/Kanada und hat schon mehrere internationale Preise bei Klavierwettbewerben gewonnen.
In Erl begann sie mit der Nussknacker-Suite von Tschaikowski im Arrangement von Michail Pletnjow. Eine Fingerübung, könnte man meinen, und eine Einforderung des Publikumswohlwollens. Weit gefehlt: Für jeden Satz fand sie die richtige rhythmische Energie und die passende Aura. Vor allem zeigte sich da schon das Charakteristikum ihres Spiels: leichtfließende Eleganz und glitzernde Klarheit. Der letzte Satz zum Beispiel, der Pas de deux, floss anfangs weich dahin, schäumte leise und rauschte dann wohllautend auf und verdämmerte wieder: zauberhaft impressionistisch.
Der Zauber begann aber dann erst richtig mit zwei Impromptus von Schubert. In jugendlich schnellem Tempo kam das B-Dur-Impromptu, die Pianistin zog lange Melodiebögen und sang auf dem Klavier, als wär’s ein Stück von Chopin. Jede Variation bezauberte: aufflatternd, auffächernd und geradezu fröhlich jauchzend die erste, dann elegisch-schwärmerisch in Moll die nächste, eine im typisch Schubert’schen Schlenderschritt, eine übermütig blitzend, und nachdenklich der Schluss. Alles aber reif gedacht und überzeugend gebracht. Das schnelle Tempo rückte das f-Moll-Impromptu mit dem taumelnden Rhythmus in Csardas-Nähe, als wär’s ein Ungarischer Tanz von Liszt.
Der zweite Teil des Abends gehörte ganz Frédéric Chopin. Wieder machte einen die in der Auswahl der Etüden op. 10 gezeigte Virtuosität fast fassungslos und man dachte an den Ausspruch von Alfred Cortot: Zu dieser Welt pianistischer Wagnisse hat „der Musiker ohne Virtuosität ebensowenig Zugang wie der Virtuose ohne Musikalität.“ Sophia Liu hat beides. Kraftvoll langte die Linke zu, während die Rechte nur so wirbelte, absolut ist ihre Treffsicherheit bei höchster Geschwindigkeit, auch in der kaskadenhaften Passagenbrillanz der Ges-Dur-Etüde, der „Schwarztasten-Etüde“. Allenfalls könnte man anmerken, dass ihr für die Revolutions-Etüde ein Überschuss von revolutionär-verzweifelter Kraft fehlte. Da siegte Eleganz über Kraft.
Zauberhaft gelang Sophia Liu dann wieder der rhythmische und melodische Schwebezustand und das fast schluchzende Singen im H-Dur-Nocturne Nr. 3 op.9, immer vorwärtsdrängend, nie sentimental verweilend, immer klingend und immer klangvoll, weil Liu die einzelnen Tasten auch dann noch drückte, wenn sie schon gedrückt waren.
Raunend, sich
im Traume verlierend
Stark rhapsodisch und spannungsvoll „erzählend“, ja raunend, sich dann im Traume verlierend und dann doch wieder leidenschaftlich aufbrausend und wieder heiter lächelnd kam die Ballade g-Moll op. 23, alles immer musikalisch folgerichtig bis zum letzten Akkord. Reines, glänzendes, graziöses und glitzerndes und staunen machendes Virtuosentum herrschte dann wieder in den Variationen über „Là ci darem la mano“ op. 2, mit dem Sophia Liu ihr Recital beendete und mit dem sie ihr Publikum restlos zu Beifallsstürmen hinriss: mit Recht.