„Ein Abenteuerspielplatz für Hirn und Auge“

von Redaktion

Die Preisträger des „Roter-Reiter-Preises 2025/2026“ stellen noch bis 16. Oktober im Landratsamt Traunstein aus

Traunstein – „Kunst muss nicht erklärt werden, sie muss uns berühren“, sagte der stellvertretende Traunsteiner Landrat Stefan Kattari, auch Bürgermeister von Grassau, bei der mit Spannung erwarteten Eröffnung der Ausstellung von Arbeiten der Preisträger des „Roter-Reiter-Preises“. Er wird seit 2013 alle zwei Jahre verliehen und erinnert dem Namen nach an die bedeutende Künstlergruppe „Roter Reiter“, die 1945 in Traunstein gegründet worden war und für Aufbruch und Erneuerung nach dem Krieg stand.

Die neue Ausstellung ist bis Mitte Oktober während der Öffnungszeiten des Landratsamtes Traunstein auf drei Stockwerken zu sehen.

Zum fünften Mal wurde im vergangenen Jahr der alle zwei Jahre mit 3.000 Euro dotierte Preis von Landkreis, Stadt und Kunstverein Traunstein verliehen. Die drei Preisträger waren der 1971 in Stuttgart geborene Jan Démoulin sowie die beiden Nachwuchskünstler Paul Graßler aus Maiergschwendt bei Ruhpolding, und der 2003 geborene Künstler Philip Craubner aus Marquartstein.

Allen Arbeiten lag das Thema „Was ist eine Stadt?“ zugrunde, das der Kunstverein Traunstein zum Thema seiner Jahresausstellung gemacht hatte. In kurzen Interviews stellte die Kuratorin der Ausstellung und Leiterin des Sachgebiets Kultur- und Heimatpflege am Landratsamt, Dr. Birgit Löffler, die drei Preisträger vor.

Die Preisträgerarbeit von Paul Graßler heißt „Wie wollen wir zusammenleben?“ Für ihn sei vor allem das „Zusammen“ wichtig, sagte Graßler. „Vor allem in einer Zeit, in der antidemokratische und ausschließende Meinungen anscheinend wieder sagbar werden, finde ich es wichtig, Utopien zu schaffen, wie man zusammenleben kann – nicht nur nebeneinander.“ Für seine Arbeiten benutzt Graßler ein Schablonendruckverfahren, die Risographie, ähnlich dem Siebdruck. Anfangs seien Risographen nur einfache Drucker gewesen, die lediglich einfarbig drucken konnten, so Graßler. Nun aber würden sie zunehmend von Künstlern mit echten Ölfarben verwendet. Dadurch wirken die Farben sehr intensiv.

Jan Démoulin, dessen Arbeiten im ersten Stock des Landratsamtes zu finden sind, verbindet in seinen sogenannten „Performance Pictures“ Videos, Malerei, Zeichnungen und andere ungewöhnliche Dinge – zum Beispiel Medizinball und Druckwalze. Bei ihm geht es um Bewegung, Kraft, Wucht. Für seine Arbeiten setzt er buchstäblich alle Hebel in Bewegung, baut ein fünf Meter langes Blasinstrument oder zentnerschwere Platten für seine Experimente. Er entwirft fiktive Skulpturen für große Galerieräume und setzt sie digital in Szene.

Seine Preisträgerarbeit ist ein Performance-Video aus New York: Mit Seilen, Walzen und anderen Gegenständen entwickelt er Aktionen, aus denen später Skulpturen, Zeichnungen oder Bilder hervorgehen. „Ich versuche, die Aktion in eine Skulptur zu übersetzen“, erklärte der gelernte Holzbildhauer. Er möchte vor allem die Energie hinter einer Bewegung einfangen – die Kraft wahrnehmen, die darin steckt. „Jeder Künstler braucht ein Thema“, sagt Démoulin, „ich bin eigentlich Maler, liebe das Zeichnen und Malen, aber ich bewege mich auch gern im Raum. So wird das Performen zum Thema meiner Malerei“.

Dritter im Bunde ist Philip Craubner aus Marquartstein, dessen Arbeiten im zweiten Stock zu sehen sind. Gemeinsam mit Paul Graßler erhielt er den Förderpreis 2025. Craubners farbintensive Malerei versteht er selbst als eine Art visuelles Tagebuch. „Ich laufe herum und sauge auf, was um mich passiert“, beschreibt er seinen Arbeitsprozess. Oftmals erkennt und versteht er verschiedene Erlebnisse erst später in seinen Bildern.

Besonders auffällig, vielleicht provozierend – ist ein Bild von einem jungen Mann mit Schnauzbart und Gretelfrisur in einem Dirndl. Dafür spannte der Künstler einen karierten Kissenstoff auf Leinwand und bemalte ihn mit Acrylfarben. „Es soll einen Konflikt darstellen“ erklärt er. Normalerweise trage eine Frau ein Dirndl, hier aber offensichtlich ein Mann. „Meine Aussage ist: Das darf jeder anziehen“.

Provokation ist für Craubner ausdrücklich erlaubt. „Ich liebe es, wenn Kunst aneckt. Kunst muss nicht schön sein, sie soll zum Nachdenken anregen.“ So ist die Ausstellung, die bis 16. Oktober während der Öffnungszeiten im Landratsamt Traunstein zu sehen ist, „ein Abenteuerspielplatz für Hirn und Auge“, wie Dr. Birgit Löffler während der Vernissage feststellte, und wie sie allen Interessierten zu empfehlen ist. Christiane Giesen

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