Frauenchiemsee – Wie immer begannen die Herrenchiemsee Festspiele mit einem Geistlichen Konzert im Münster Frauenchiemsee, wie meist mit Musik von Bach, diesmal mit Kantaten und Konzerten. Das Orchester der KlangVerwaltung spielte ohne Dirigenten – was zu einem immer kräftig-lauten, forsch-robusten Klang führte, der die Solisten bisweilen fast zudeckte, auch wenn das Orchester insgesamt sehr lebendig agierte. So kam das Adagio des zweiten Satzes etwas unzauberhaft daher und so konnte sich der Violinsolist Josef Kröner, nebenbei bzw. hauptsächlich Intendant der Festspiele, im Konzert für Oboe und Violine c-Moll BWV 1060R nicht genügend vom Orchesterklang abheben. Aber: Hier spielt der Intendant! Jürgen Evers gelang es, mit seiner Oboe seine Phrasen schön auszusingen.
Rebekka Hartmann führte als Konzertmeisterin das Orchester an, als Solistin spielte sie sich im E-Dur-Violinkonzert BWV 1042 mit wilder Freude und rhythmischer Energie geradezu die Seele aus dem Leib, trieb das Orchester fast vor sich her, berstend vor Temperament und unbändiger Spiellust. Es riss sie hin und sie riss ihre Mitspieler hin. „Wahnsinn!“ und „Super!“ und „Toll!“ raunte es im Publikum nach dem ersten Satz. Ihre Lust an der Virtuosität lebet sie im Finale mit den vielen Läufen, Akkordbrechungen und Figurationen ungehemmt aus. Im langsamen Zwischensatz malte sich das musikalische geschehen deutlich in ihrem Gesicht ab, sie erlebte und durchlebte diesen Geigengesang wie eine Schmerzensarie – und jetzt war der Zauber des Adagios da. Tosender Beifall war ihr sicher.
Eigentlich hätte Thoma E. Bauer die Kreuzstabkantate und die Kantate „Ich habe genug“ singen sollen. Er war erkrankt, für ihn sprang Gerrit Illenberger ein: mehr als ein Ersatz. Gewinnend war sein Auftreten und einnehmend seine musikalische Gestaltung. Warm, natürlich timbriert, lyrisch fließend und von vorbildlicher Legato-Kultur ist sein Bariton, der schön durch die Register gleitet und durchaus bassige Tiefen hat. Vor allem ist seine Diktion hervorragend, sodass man den Text auch ohne Textbuch mühelos verstand. Man muss ja schon kundig sein in der barocken theologischen Poesie, um diese Texte genießen zu können: Der Sänger verkündet, „mit Freuden von hinnen zu scheiden“ und: „Ich freue mich auf meinen Tod!“ Das wird in der Bach’schen Vertonung zu einer geradezu jubelnden Todesfreude, ja -sehnsucht. Mit diesen einschmeichelnd-sanften Bariton-Tönen möchte man ihm gerne nachsterben…
Auch die Rezitative belebte Illenberger mit großem Textverständnis. Dass seine „Schlummer“-Arie zu unsanft geriet und die triolisch geprägten Worte „Da leg ich den Kummer auf einmal ins Grab“ etwas zu eilig, war vielleicht der kurzen Probenzeit geschuldet: Gerrit Illenberger war kurz davor in Händels „Alcina“ bei den Münchner Opernfestspielen gefragt. Langanhaltender Applaus war ihm jedenfalls sicher. Die Herrenchiemsee Festspiele sind würdig gestartet. RAINER W. JANKA