Auch mal seelenberührend

von Redaktion

Ein Abend voller Vivaldi bei den Herrenchiemsee Festspielen

Herrenchiemsee – Der erste Abend der Herrenchiemsee Festspiele gehörte ganz Bach, der zweite ganz Vivaldi. Der Barockgeiger Fabio Biondi hatte mit seinem Orchester Europa Galante sowie der Schola Cantorum of Oxford Vivaldis „Gloria“ und „Magnificat RV 611“ zusammengespannt mit Violinkonzerten von Vivaldi, besser gesagt, durchschossen damit: Zwischen einzelne Sätze der beiden geistlichen Werke kamen Sätze aus den Violinkonzerten.

Missverständnis
um Pause

Eigentlich eine gute Idee – nur wäre nach dem „Gloria“ vor der Pause noch ein ganzes Concerto gekommen, das in d-Moll RV 565 aus „L’Estro Armonico“. Aber nach dem Applaus fürs „Gloria“ und weil der Chor die Bühne verließ und das Orchester sich umgruppierte, glaubten viele Besucher, dass schon Pause sei, und eilten zum Pausensekt. Fabio Biondi musste erst erklären, dass sie noch was spielen werden. Man müsste halt das Programm lesen; andrerseits: nach einem „Amen“ sollte vielleicht nichts mehr kommen…

Nur Vivaldi und vieles in D-Dur, der Trompeten-Tonart: Das könnte eintönig werden. Vielleicht lockte Biondi deswegen aus dem Chor viele dynamische, oft jähe Effekte, beinahe überfallartige Crescendi heraus und heizte die rhythmisch punktierten Gesangsteile heftig auf. So mussten die „Übermütigen“ (superbos) und „Mächtigen“ (potentes) gewaltige Angst haben, wenn der Chor mit gewaltvollen, einmal unisono gesungenen zornigen Klängen auf sie losging und sie zerstreuen oder gar vom Thron stoßen wollte. Es schien, als wolle Biondi die Effekte über rein musikalisch-technische Mittel erzielen, nicht über emotionale wie Inbrunst oder gar Gläubigkeit. Immerhin sind es religiöse Texte, die da vertont sind. „Es berührt nicht meine Seele“, meinte da eine Sitznachbarin, die bekannte, als Geigerin unter Nikolaus Harnoncourt gespielt zu haben. Der Chor überzeugte mit jugendlich frischem, aufgehelltem obertonreichem Klang, einem schlanken Chortenor und langgezogenen Gesangslinien bei den Frauenstimmen, vor allem mit großer Sangesfreude und präziser Ausführung der ebenso präzisen Vorgaben des Dirigenten. Die Akkorde der oft expressiven Harmonik hielten sie standhaft aus.

Disparat waren die Solisten: ziemlich opernhaft-manieriert, mit lebhafter Mimik und sehr offener Vokalgebung sang die Sopranistin Roberta Invernizzi, als wenn es Arien aus dramatischen Händel-Opern wären. Ebenso vokal-offen sang die Mezzosopranistin Elena Carzaniga, aber natürlicher, lebhafter, freudiger und dann auch klagender mit weitgezogenen Tönen. Wie gewünscht seelenberührend aber war die Altistin Lorrie Garcia: Sie berührte mit dunkelglühender Stimme mit einigen brustigen Tönen, religiösem Tiefsinn und Natürlichkeit.

Bei den Violinkonzerten setzte Fabio Biondi auf Temporausch: Wenn Allegro dastand, wurde es oft zum Presto, sodass man so manche Feinheiten seiner hochvirtuosen Passagen nicht mehr so fein hörte, dafür geigerische Nebengeräusche. Biondi wollte wohl Überwältigung durch Virtuosität – aber hatte Vivaldi seinerzeit das nicht auch gewollt, wenn er seine Waisenhausmädchen des Ospedale della pietà vorführte, die seine Werke spielten und sangen? Das Publikum jedenfalls ließ sich gerne überwältigen: „Klassik-Jazz!“, jubelte leise eine andere Sitznachbarin.

Die schönsten Sätze
waren die langsamen

Trotzdem: Die schönsten Sätze waren die langsamen, ein Largo oder ein Larghetto. Da kam innige Ruhe auf und die Seele wurde berührt. Und wenn dann Biondi das Concerto für Violine und Orgel c-Moll (eben mal nicht D-Dur) RV 766 zusammen mit der fabelhaften Organistin spielte, wurde es dank des feinen Spiels der Organistin fast zum Orgelkonzert mit Violinbegleitung: ruhig und fein.

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