Don Giovanni ohne Höllenfahrt

von Redaktion

Hofkapelle München begeistert mit Mozarts Meisteroper

Herrenchiemsee – Wer vor zwei Jahren die gestraffte konzertante Aufführung der „Zauberflöte“ durch die Münchner Hofkapelle auf Herrenchiemsee erlebt hat, dem war sofort klar, dass auch die diesjährige „Don-Giovanni-Gala“ nicht über den Leisten geschlagen sein würde. Bis aufs i-Tüpfelchen ausgefeilt hat Rüdiger Lotter eine Auswahl getroffen, die den Geist dieser Oper einfängt. „Ausgepolstert“ wurde diese Gala durch Ballett-Musiken aus Mozarts „Idomeneo“.

Ein Jäger vor
dem Herren

Gesungen wurde natürlich italienisch, aber Mimik und Gestik der Sänger ließen keine Missverständnisse aufkommen…

Der Aufführung genügten vier Personen, die mit nur drei Sängern bestückt waren: Als liebessüchtige, aber düpierte Donna Elvira wie auch als naive, nach Reichtum schielende bäurische Braut Zerlina konnte Lenneke Ruiten ihre stimmliche wie schauspielerische Bandbreite ausreizen. Als im Grunde braven Burschen, der zwar kleinen Vorteilen pekuniärer Art nicht abgeneigt ist, aber doch lieber nach dem Motto „Ehrlich währt am längsten“ handeln würde, lernten wir den Bariton Daniele Terenzi als Leporello kennen. Doch wer ist Don Giovanni? Ein zynischer Verführer, der (leider) auch über Leichen geht, gewissenlos und gnadenlos zielorientiert? Thomas E. Bauer war als Womanizer gerade noch im besten Mannesalter, vital und direkt, ein Jäger vor dem Herrn, und so konnte er triebgesteuert einfach nicht anders, als das Wild aufzuspüren, wo es ihm ins Blickfeld geriet: „Still, hier riecht’s nach Weib!“ Sein Diener bewundert die „feine Nase“ seines Herrn…

Die Münchner Hofkapelle und Rüdiger Lotter wurden schon zu Beginn als alte, wieder gerne gesehene Bekannte mit herzlichem Beifall begrüßt. Lotter, unprätentiös aber präzise in seinem Umgang mir den hoch motivierten Musikerinnen und Musikern, brachte die Ouvertüre zum Glühen: Höllen- oder Liebesflammen, wer könnte da genau unterscheiden? Jedenfalls spannend, und das Publikum war neugierig auf die Sänger. Don Giovanni mit kräftigem, lebensfroh kernigem Bass, machte bei seinem Auftritt keinen Hehl, dass er als Alpha-Tier in jeder Lebenslage der Sieger bleibt. Leporello, also Daniele Terenzi mit prachtvoll fülligem Bariton, versucht seinem Herrn (mit tiefen Einblicken in dessen doppelte Buchführung) dezent Paroli zu bieten: „Mein lieber Herr, Ihr führt ein Leben wie ein Schurke.“ Doch es bleibt ihm nichts übrig, als die verlassene Geliebte Donna Elvira mit den erotischen Erfolgen seines Chefs zu „trösten“: „Aber in Spanien tausend und drei!“ Da weiß selbst Leporello nicht so recht, darf er stolz auf diese Rekorde sein, oder quälen ihn doch moralische Skrupel. Jedenfalls konnte Lenneke Ruiten als Donna Elvira ihrer gekränkten Ehre stimmlich beredten Ausdruck verleihen. Ihr klarer Sopran war unverfälschter Zeuge ihres tiefen Schmerzes.

Ein Sprung von Szene 5 nach Szene 9: Die Sängerin hatte sich flugs in das Bauernmädchen Zerlina verwandelt – anderes Outfit und barfuß (obwohl dies, wie auch das Fotografieren, im Schloss verboten ist!). Nunmehr gelöst und erwartungsfroh lässt sie sich die Schmeicheleien und Avancen Don Giovannis nur zu gern gefallen: „Reich mir die Hand mein Leben…“

Daraus wird natürlich nichts. Die Verwicklungen steigern sich, der arme Leporello muss sich seiner Haut erwehren, ein wunderschönes Ständchen (von der Konzertmeisterin auf der Mandoline allerliebst gezupft) soll Don Giovanni seinem Ziel näherbringen, aber schließlich…

Nein, der steinerne Komtur, an dem der letztlich naive Leichtfuß scheitert, hatte zur Don-Giovanni-Gala keinen Zutritt, und so findet zumindest bei Rüdiger Lotter und der Hofkapelle München auch keine Höllenfahrt statt.

Imponierende
Leistungen

Gottlob, die Protagonisten durften ihren verdienten Beifall reichlich entgegennehmen. Ihre sängerische wie schauspielerische Leistung war gleichermaßen imponierend.

Niemand hatte das Gefühl, nur den Rumpf von Mozarts genialer Oper erlebt zu haben. Dem Orchester, das sonst ja im Graben versteckt spielen muss, konnte man sogar auf die Finger schauen: nichts von „Dienst nach Vorschrift“. Das war vielmehr Mozart auf Augenhöhe!

Walther Prokop

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