Mit Feuer- und mit Engelszungen

von Redaktion

„Lebendig pulsierend“: das Orchester des 18. Jahrhunderts auf Herrenchiemsee

Herrenchiemsee – Als Maestro Alexander Janiczek aufs Podium kam und in angespannter Körperhaltung (im linken Arm hatte er die Violine fest im Griff!) den Einsatz geben will, da spürte das Publikum instinktiv, jetzt kommt gleich ein Blitz vom Himmel (oder sollte man sogar von Feuerzungen sprechen?).

Zärtlich, behutsam
und feinnervig

Tatsächlich, schon der erste Fortissimo-Akkord, präzise und heftig, machte die Bahn frei für Christoph Willibald Glucks Ouvertüre zu „Orpheus und Eurydike“. Gluck, im allgemeinen Bewusstsein eher als braver Vorläufer Mozarts fixiert, ließ den Hörer durchaus die Schrecken der Unterwelt fühlen.

Doch dann musizierte das „Orchestra of the Eighteenth Century“ den „Reigen seliger Geister“ so zärtlich, behutsam und feinnervig, dass aller Unterwelts-Horror weggewischt war. Es war nicht zu viel im Programmbuch versprochen, jede Aufführung sei eine „neue Herausforderung“, sodass das „ikonische Repertoire lebendig und pulsierend“ bleibt.

Das einst vom legendären Frans Brüggen gegründete Orchester musiziert auf Original-Instrumenten und in „historisch informierter Weise“. Das heißt grob gesagt, die vertraute klassische Musik klingt nicht so elegant weichgezeichnet, wie oft gehört, sondern leicht aufgeraut. Akzente und Strukturen bestimmen das Klangbild. Zu Mozarts Violinkonzert Nr. 3 in G-Dur schlüpfte Alexander Janiczek in die Doppelrolle Solist plus Dirigent, ein wahrlich anspruchsvoller Job. Janiczek ist einer extrovertierten Selbstdarstellung als Star abhold, er fühlt sich mehr als „Primus inter pares“, aber dies mit äußerster interpretatorischer Redlichkeit und stupender Perfektion. Mozarts „Frühe Meisterschaft“ (so das Motto des Abends) lässt den Komponisten ein subtiles, ja interaktives Wechselspiel der mannigfachen, aber zum Ganzen gebündelten Einfälle verweben.

Beethoven war (zum Leidwesen seines Vaters) kein Wunderkind, sondern „nur“ eine hochbegabte Hoffnung. Und für manche Musikenthusiasten beginnt das eigentliche Genie immer noch erst mit der „Eroica“, der 3. Symphonie. „Prometheus“, diese sozusagen aufmüpfige antike Gestalt kommt Beethovens Freiheitsdenken ideal entgegen. Meistens steht nur die Ouvertüre zur Debatte. Nach den einleitenden „aufrührerischen“ Akkorden lässt Beethoven die Hörner, Fagotte, Oboen und Flöten weich strömend die humane Gesinnung des Menschenfreunds Prometheus hörbar werden. Dann aber drängt die Musik, von den Streichern heftig getrieben, dynamisch einem Ziel entgegen. Die „Geschöpfe“ benötigen zum Überleben das Feuer. Das entwendet Prometheus den Göttern. Aber das wäre eine andere Geschichte…

Beethovens 2. Symphonie! Bei allen Mozart-Reminiszenzen gebärdet sich der gar nicht mehr so junge Komponist geradezu avantgardistisch: Der Finalsatz beginnt mit einer unglaublich herrischen und rhythmisch sperrigen Figur, die vom Orchester so virtuos blitzend gemeistert wurde, dass man sie schon wieder als selbstverständlich empfand. Die Musiker spielten, wohlgemerkt, im Stehen. Das verlieh der Interpretation eine federnde Präsenz, die das Publikum im Spiegelsaal schließlich zu jubelndem Beifall hinriss. Zur Zugabe bemerkte Janiczek lakonisch: „Joseph Haydn“!

Viel Übermut
und rasantes Brio

Ein passenderer Abschluss als mit dem letzten Satz seiner letzten Symphonie wäre fast nicht denkbar: Der alternde Haydn hatte sich aus der Jugendzeit noch viel Übermut und rasantes Brio bewahrt. Auch er komponierte bis zuletzt mit Feuer- und mit Engelszungen!

Vom Schiff aus sah man im Westen ein fulminantes Wetterleuchten. Auch der Himmel hatte jetzt Beachtliches zu bieten…

Walther Prokop

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