Herrenchiemsee – Mozart, der bereits in jungen Jahren quer durch Europa unterwegs war, spiegelt praktisch alle europäischen Klangsprachen wider. Die Melodien und Motive in seinen frühen Werken seien zwar, so Dirigent Önder Baloglu, oft absurd kindlich und zeigten eine verspielte junge Seele: „Aus einer kleinsten Idee macht Mozart aber große Musik, deren Wirkung er bis ins Detail geplant hat.“
Unter dem Titel „Mozarts Reisen“ spielte das Kammermusikensemble „Les essences“ im Spiegelsaal von Herrenchiemsee frühe Werke des Salzburger Komponisten. Mit viel Humor und Fantasie führte Önder Baloglu durch das abwechslungsreiche Programm, das er mit zahlreichen Anekdoten bereicherte.
Zarten Zauber
verströmt
Seine viersätzige Symphonie Nr. 13 in F-Dur KV 112 komponierte Mozart 1771 auf seiner Italienreise in Mailand. Beherzt und frisch spielte das Kammermusikensemble „Les essences“ den Kopfsatz mit seinem einprägsamen Thema, heiter und mit federndem Rhythmus agierten die Streicher im Andante. Auf ein kraftvoll-energisches Menuetto e Trio folgte wiederum kompakt und schwungvoll das Molto allegro.
Zarten Zauber verströmte das Konzert für Flöte, Harfe und Orchester in C-Dur KV 299. Das Allegro kennzeichnet eine verschwenderische Fülle thematischer Einfälle. Dass die Komposition nur ein Auftragswerk für zwei adlige Pariser Dilettanten war und Mozart Harfe und Flöte nicht sonderlich geschätzt hat, ist angesichts der Schönheit der Musik kaum zu glauben. Harfenistin Hanna Rabe und Flötist Cem Önertürk berührten das Publikum mal gemeinsam, mal im dialogischen Wechsel mit funkelnder Virtuosität. Zu Herzen ging die Flötenkadenz im Allegro, geschmeidig begleiteten die Streicher die beiden Soloinstrumente im Andantino. Das Finalrondo prägt ein stilisiertes Gavotten-Thema, dass den französischen Einfluss leicht erkennen lässt. Für ihre brillante Darbietung erhielten Solisten und Orchester begeisterten Applaus. Nach der Pause mit obligatorischem Sonnenuntergang, plätschernden Prunkbrunnen und sonoren Alphornklängen spielte das Ensemble Mozarts in London entstandene Symphonie Nr. 1 in Es-Dur KV 16. „Mozart hat in der Kutsche komponiert, wenn es gerüttelt und geschüttelt hat, und die Noten später im Gasthof aufgeschrieben“, erklärte Önder Baloglu. Oft erinnerten seine Finalsätze an Jagdmusik, auch wenn er zur Jagd keinen Bezug hatte: „Mozart folgte einer eigenen, inneren Welt“.
Leidenschaft
und Hingabe
Das rasante Allegro molto, aber auch den Mittelsatz mit einem empfindsamen c-Moll Andante, interpretierte das Ensemble voller Leidenschaft und Hingabe. Stürmisch und kraftvoll mit schönem Bläsereinsatz war das Allegro molto. Auf den packenden Rhythmus der in Den Haag komponierten fünften B-Dur Symphonie im Allegro folgten wiederum ein sanftes Andante und ein lebhaftes Allegro molto.
Mit Witz und Fantasie erläuterte Önder Baloglu die Entstehung von Mozarts Konzert für Violine und Orchester Nr. 5 in Es-Dur. Als Konzertmeister der Hofkapelle Salzburg habe Mozart auch selber die Violine gespielt. Die Violine sänge in diesem Werk gleichsam Arien wie in einer Oper, mit der man damals viel Geld verdienen konnte.
Die frei erfundene, aber überzeugend klingende Geschichte von Joseph, der zunächst frohgemut in den Krieg gegen die Türken zieht, in der Schlacht verletzt wird und schließlich als „hinkender Joseph“ in Wien ein gleichnamiges Kaffeehaus eröffnet, rief Heiterkeit hervor.
Ausdrucksvolle
Kantilene
Önder Baloglu erwies sich nicht nur als charmanter Dirigent und Conférencier, sondern auch als ausgezeichneter Solist. Wunderschön sang die Violine die ausdrucksvolle Adagio-Kantilene im Allegro aperto. Nach einem liedhaften Adagio mit langer Orchestereinleitung war der Solist im Finale ganz in seinem Element. Alla-turca-Effekte mit stampfenden Rhythmen und abwechselnde Solo- und Tuttipassagen erzeugten ruppige Kontraste. Leise endete der Satz im Piano. Am Ende hinkte der Dirigent unter stürmischem Applaus tatsächlich über die Bühne.
Für den begeisterten Beifall bedankte sich das Orchester mit dem fesselnden ersten Satz aus der B-Dur Symphonie.
Georg Füchtner