Wasserburg – Das Interesse an der zweiten Auflage des Wasserburger Tanzsommers war groß – und es zeigt, wie lebendig die Tanzszene der Region ist. An zwei Wochenenden verwandelte sich die Bühne des Theater Wasserburg in einen Ort, an dem Bewegung zur Sprache wird und Tanz Geschichten erzählt. Regionale Künstlerinnen und Künstler präsentieren ihre Arbeiten, die stilistisch von Hip-Hop über Contemporary bis hin zu interdisziplinären Formaten reichten. Am zweiten Wochenende geriet das Publikum sprichwörtlich ins Netz: Drei Choreografien spannten unter dem Motto „Im Netz“ ein markantes Geflecht aus Rollen, Beziehungen und Machtstrukturen.
Humorvoll
und berührend
In der Sprache des Tanzes gingen diese Themen mit unmissverständlicher Deutlichkeit unter die Haut – humorvoll, sinnlich, sozialkritisch und zutiefst berührend.
Den Auftakt tanzten Geli Riechert (auch Choreografie) und Melanie Feller mit „Just men moving“: Der Titel lässt sich wörtlich mit „Nur Männer in Bewegung“ übersetzen und erfährt im Folgenden eine ironische Brechung. Durch die Heirat eines deutlich älteren Mannes manövriert sich eine Frau in ein Geflecht komplexer Familienverhältnisse – eine echte Zwickmühle, die in Tanz und Wort erfahrbar wird: Zwei Körper bewegen sich in wechselnden Rhythmen übereinander, gegeneinander, dann wieder im geeinten Fluss miteinander und füreinander. Im Ziehen und Drücken, im Auf und Ab der bewegten Körper wird die Bestrebung deutlich, über ständige Perspektivwechsel Klarheit zu finden. Ein skurriles Ringen um Orientierung, das im übertragenen Sinn auf verwirrende innerfamiliäre Beziehungen schließen lässt. Die dazu gesprochenen Texte verstärken den Wirrwarr, aus dem wohl nicht einmal eine fundierte Familienberatung befreien kann.
Weiter ging es im nächsten Stück mit einer ganz anderen Form des Gefangenseins: In „A religious mating“ (zu Deutsch: „Ein rituelles Paarungsverhalten“) machen Nano Luque und Leila Patzies die Paarung der Gottesanbeterin zum Ausgangspunkt ihrer choreografischen Forschung. Ein ungeheuerlich spannendes und zugleich hoch komplexes Bewegungsvokabular ließ keine Fragen offen. In wechselndem Licht der Scheinwerfer bewegten sich zwei Menschen, die sich – so schien es – in Insekten verwandelt hatten. Ihre Bewegungsabläufe – kantig, ruckartig und zugleich von einer merkwürdigen, „insektoiden“ Eleganz getragen, markierten einen Wechsel aus lauernder Stille, schnellen Vorstößen, feinen Zitterimpulsen und abrupten Richtungswechseln. Die gegenseitige Anziehung hatte etwas Bedrohliches, wirkte zuweilen getrieben und hormonell aufgeladen, dann wieder bewusst gelenkt, manipuliert oder sogar dirigiert. Dieses Wechselspiel aus Instinkt und Kontrolle verlieh dem Duett jene Spannung, die den Zuschauer wie hypnotisiert und willenlos ins Netz gehen ließ. Das ist Tanzkunst auf allerhöchstem Niveau, die Botschaft gestochen scharf vermittelt: Anziehung erzeugt Macht, Macht schafft Abhängigkeit, und Abhängigkeit macht schwach – unabhängig davon, ob männlich oder weiblich. Was diese Chose vom Tierreich auf den Menschen übertragen bedeuten mag, bedarf keiner weiteren Erläuterung.
Ein mehr als ernstes Thema prägte das letzte Stück des kurzweiligen Abends: Gewalt gegen Frauen. Das interdisziplinäre Tanzprojekt „Ungebrochen“ von Melanie Feller und Stefanie Scheidler widmet sich nicht nur der Gewalt selbst, sondern vor allem der Frage, was danach geschieht – wie betroffene Frauen Wege des Überlebens, der Selbstermächtigung und des Weitergehens finden. Gesprochene Texte innerhalb der Choreografie leiteten ein und über, wobei die aussagekräftigen Gesten und Bewegungen keinerlei Erläuterungen gebraucht hätten – die Ursprache des Körpers wirkt stärker als Worte. „Mut beginnt manchmal nicht mit einem Schrei, sondern mit einem Schritt durch die richtige Tür“ – eine Einleitung, die zugleich auf den Ausweg aus einer verzweifelten, ohnmächtigen Lage verweist und auf die immer offene Tür der Frauenhäuser, die diesen Schritt möglich machen.
Im Tanz der acht Tänzerinnen – Isabel Kubiak, Theresa Joas, Marie Prochatzki, Luca Bröder, Nicola Reit, Yulia Vidovic, Melanie Feller und Stefanie Scheidler – wird überdeutlich, was es heißt, unterdrückt zu werden, Angst zu haben, Gewalt zu erfahren und wie viel Kraft es braucht, sich aus einer solchen Misere zu befreien. Hinter flatternden Stoffen bewegen sich Hände, die Stoffe der Kleidung werden über die Gesichter gezogen: Scham und ein sich verstecken – das Gaslighting als andere Spielart der Gewalt lässt in verzweifelten Gesten den inneren Aufschrei laut werden – das trifft ins Mark. Dabei wirken die Tänzerinnen nie als Opfer, denn sie bleiben mit und füreinander in Bewegung, befreien sich aus dem Netz der Gewalt, halten und tragen sich, geben sich gegenseitig genau die richtigen Impulse, die sie am Ende durch diese rettende Türe geleiten.
Von Projektionen
flankiert
Die getanzten Themen des Ensembles werden im Hintergrund von Foto- und Videoprojektionen der Fotokünstlerin Heidi Schmidinger flankiert, die den Szenen zusätzliche Tiefe und Eindringlichkeit verleihen. In sensibel aufeinander abgestimmten Übergängen verwebt die Fotokünstlerin strukturelle Mischformen (meist aus der Botanik) zu einem sich ständig verwandelnden Kaleidoskop. Ein Tanzgewitter mit Nachhall. Fortsetzung erwünscht!
Kirsten Benekam