Feuersturm und Grandezza

von Redaktion

Konzert „Europäische Linien“ bei den Herrenchiemsee Festspielen

Herrenchiemsee – Der sechste Tag der Herrenchiemsee Festspiele war übertitelt mit „Europäische Linien“, gespielt wurden Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, Frédéric Chopin und Felix Mendelssohn Bartholdy. In der Tat ist dies Europa pur: Chopin ist Pole und Franzose zugleich gewesen und wohnte die längste Zeit in Paris. Mozart hat große Teile Europas bereist und mit seiner „Prager Sinfonie“ gezeigt, wie sehr die böhmischen Prager ihn schätzten. Und Mendelssohns 4. Symphonie, „die Italienische“, ist von Italien inspiriert, das der junge Felix ebenso gerne bereiste wie später England und Schottland. Die klassische Musik ist europäisch. Es gibt Verbindungslinien, Grenzen gibt es nicht.

Aufgewühlte Dramatik und gleißender Geigenklang

In Mozarts „Prager Symphonie“ trieb Enrico Onofri das Münchener Kammerorchester mit eleganter Gestik von Beginn an zu aufgewühlter Dramatik, markiert mit gleißendem Geigenklang, knallender Pauke und kraftvollen, bisweilen drohenden Trompetenstößen. Die Nähe von Mozarts symphonischer Musik zur Operndramatik war hörbar. Schön waren die Mollverschattungen des Seitenthemas durch rhetorische Ritardandi herausgestellt. Dramatische Spannung suchte Onofri auch im singenden und sinnenden Andante, in dem immer leichte Tragik mitschwang. Mit wieder punktgenau knallenden explosiven Paukentönen begann im Finale ein atemlos tänzerischer Wirbel, vom Dirigenten mit Drehbewegungen seiner Hände angefacht und durchzogen mit fröhlich lachenden Holzbläsertönen: ein dionysischer Mozart.

Sehr jung wirkt der russische Pianist mit koreanischen Wurzeln Arsenii Moon: Geboren ist er 1999 in St. Petersburg, hat dort am Konservatorium und dann an der Juilliard School in New York studiert. Nach dem Gewinn des Ferruccio-Busoni-Wettbewerbs in Bozen 2023 ist seine Karriere durch die Decke gegangen. In Herrenchiemsee spielte er das Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll von Chopin. Dies mit bezaubernder Sanglichkeit, ausgeprägter Delikatesse und einer gehörigen Portion Grandezza, dabei völlig ohne schwiemelige Sentimentalität, sondern ganz natürlich, nicht seine gewiss vorhandene Virtuosität, sondern die gespielte Musik in den Vordergrund stellend. So erlebte man diese Musik mit ihm ganz frisch und neu: das schöne Duett zwischen Klavier und Horn bzw. Fagott oder die Passagen, die so traumverloren wie mondbeschienen wirken, oder Akkorde, die wie in ein weiches Daunenbett sinken. Alle Phrasen singt Moon aus bis zum Ende und kostet sie in ihrer Erlesenheit genussvoll aus. Onofri wollte das Orchester nicht als bloßen braven Begleiter verstehen, sondern als mitgestaltenden Partner. So riss das Orchester im Finale einzelne Akkorde ab und produzierte gar so manche grelle Bläsertöne. Moon gelang es, im Krakowiak-Trubel des grandios donnernden Finales sogar noch einzelne Basslinien herauszuholen und deutlich darzustellen. Nachdem er schon nach dem Kopfsatz spontanen Zwischenapplaus geerntet hatte, wuchs sich der Applaus am Ende zum Beifallssturm aus, den der Pianist mit Liszts „La Campanella“ quittierte: hier Virtuosität in reinster Form.

Leuchtend mit vielen
Orchesterfarben

„Die Italienische“ ließ Enrico Onofri schwungvoll und rhythmisch markant, aber noch etwas breit angelegt beginnen, vor allem mit vielen Orchesterfarben leuchtend. Die Holzbläser vor allem glänzten und klagten im Andante, das im etwas raschen fast Schubert’schen Schlenderschritt, nicht im langen Prozessions-Schritt daherkam, die Hörner bliesen höchst romantisch im wiegenden und wogenden dritten Satz, von Onofri ganztaktig dirigiert. Ein wahrer turbulent-taumelnder Feuersturm brach dann im Finale los, dem „Saltarello“. Wie entfesselt stürmte das Orchester los mit energischen Flötentrillern, wilden Streicher-Pizzicati und Geigen-Figuren wie Wespengesumm, alles wie von der Tarantel gestochen, stampfend, wirbelnd und rasend. Dabei vergaß der Dirigent nicht, dass dieser Satz nicht, wie der Kopfsatz, in A-Dur, sondern in a-Moll steht: Ein bisschen Verzweiflung war daher in allem feurigem Wirbel auch zu spüren: ein interpretatorisches Kunststück.

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