Bruckmühl –Es gibt sie, die Lieder mit besonderem Bezug zum Leben in aller Deutlichkeit oder mit Umschreibungen. In der Vielzahl aller weltlichen und geistlichen Liedüberlieferung, von den langen Erzählliedern bis zu den kurzen Schnaderhüpfeln, finden sich immer wieder Lieder, die die Menschen und ihre Zeit, die Zustände und sozialen Verhältnisse beschreiben. Oben und unten, reich und arm – das waren und sind bis heute Themen in den Liedern, auch in den Volksliedern unserer Vorfahren, die sich über mehrere Generationen erhalten haben.
So können diese Lieder vor allem einen Beitrag zur Dokumentation der Lebensumstände der einfachen Leute leisten. Die Geschichtsforschung kann aus einer Vielzahl an Quellen zu den herrschenden Schichten, zur Obrigkeit, Verwaltung und dem Rechtssystem schöpfen. Hierzu gibt es zahlreiche Schriftstücke, auf die sich die Forschung stützt. Aber: Die nicht schreibfähige Bevölkerung der Grundschichten lebte – und lebt teils heute auch – in der Mündlichkeit, der Nicht-Schriftlichkeit der Informationsweitergabe und der Lebensdokumentation. Da sind die mündlich erstellten und weitergegebenen Liedtexte eine wichtige Quelle, die das Zusammenleben der Menschen erinnerlich hält – dank der Volksliedsammler, die gerade die mündlich überlieferten Gesänge in aller Vielfalt und Variabilität festgehalten haben. Und wie bei jeder anderen historischen oder gegenwärtigen Quellengattung ist hier besonders die kritische Quellenbetrachtung notwendig: Was könnte die Wirklichkeit beschreiben, was ist Fiktion, was ist Propaganda oder „Fake News“ – wie man heute sagen würde? Wie ist der Standpunkt des Liedermachers, welche Absicht hat er? Aber all diese kritische Sichtweise wäre auch bei schriftlichen Quellen anzuwenden. Auch in der Schriftlichkeit muss nicht grundlegend die „objektive“ Wahrheit stecken – das dürfen wir nie vergessen.
Hier ein paar Beispiele, die wir in unserer Reihe „Bayerische Geschichte in Lied und Musik“ betrachten – und damit das Augenmerk auf diese primär mündlich tradierte Quellenform lenken.
Am Montag, 27. Juli, ist es wieder so weit: Bei einem Sing- und Informationsabend um 19 Uhr im Büro vom „Förderverein Volksmusik Oberbayern“ (Bruckmühl, Pfarrweg 11, Anmeldung notwendig, Telefon 08062/8078307, ernst. schusser@heimatpfleger. bayern) gibt es ganz praktische Einblicke in den Hintergrund und die Grundlagen einiger Lieder:
„Die Zeit is schlecht,
die War schlagt auf,
die Kramer lösn‘s Geld.
So is halt bei da jetzign Zeit
da Hochmuat auf da Welt“
So beginnt eine kritische Beschreibung der Zeit- und Lebensumstände der einfachen Leute um 1900 und in den 1920er-Jahren. Man könnte diesen Text ohne weiteres auf unsere Gegenwart beziehen. Die Händler treiben ihre Außenstände ein, um selber über die Runden zu kommen. Andere leben in Saus und Braus auf Pump. Die Inflation frisst die Ersparnisse, die Schulden steigen und sind nicht mehr zu fassen, das Geld wird in prächtige Kleider gesteckt. Kiem Pauli hat das Lied „in der schlechten Zeit“ 1927, die direkt in die Herrschaft der Nationalsozialisten führte, in der Gegend von Ruhpolding aufgeschrieben.
„Am Land heraußt gfreits mi gar nimma,
da mag i halt gar nimma bleibn.“
Hier geht es um fehlende Arbeitsplätze, geringen Lohn, Dominanz des Geldes und der Macht der Großbauern gegenüber Dienstboten, Häuslern und Kleinbauern. Der Korbmacher und Volkssänger Josef Buchner, vulgo „Gamsei“ von Bergen/ Chiemgau hat das Lied in den 1920er-Jahren gesungen.
Ganz aktuell zur Gesundheitsreform passt das vom Linhuber Sepp aus Eggstätt gern gesungene Lied vom „Höller Hansl“, der als Heilpraktiker den Menschen für geringes Geld ihre Krankheiten an Leib und Seele angesagt hat. Seine Erkenntnisse gewann er aus seiner Erfahrung und den Urinproben, die man ihm bracht. Oft war der „Flaschlzug“ lang, der sich auf seine Behausung „aufn Bergerl drobn“ zubewegte, alle in der Hoffnung auf Klarheit und Hilfe, ohne Krankenschein, Anmeldung – aber mit Wartezeit und persönlicher Betreuung – wie beim „Bergdoktor“ im Fernsehen.
„Aus da Kellerluckn obn beim Höllerhausschaut da Wundadoktor ganz vergnüagt heraus.“
Auch die Geschichte und das Schicksal von Personen aus dem Volk wird in der Sprache des Volkes besungen. Da geht es um Wildschützen, Volkshelden wie den „Wirtssepperl von Garching“, Räuber oder die Baderstochter Agnes Bernauerin. Besonders deutlich und ausführlich besingt ein Lied den Marktbrand von Haag im Jahr 1849 und schreibt die Katastrophe augenzwinkernd dem zuständigen Heiligen zu:
„O heiliger Sankt Florian,
was hast du dir gedacht,
wia du zu einem Mittagsschlaf
die Augen zua hast gmacht?“
Alle Menschen haben zusammengeholfen bei der Brandbekämpfung mit Wasserkübeln, denn
„es gab noch keine Feuerwehr
und a koan Spritznwagn.“
Und die Zeitungen mobilisierten Hilfe „im ganzen Bayerland“ beim Wiederaufbau. Ganz unwillkürlich denkt man an Katastrophen in unserer Gegenwart.
Ernst Schusser