Klingende Geografie

von Redaktion

Concerto Köln und Flötist Max Volbers setzen auf den europäischen Gedanken

Herrenchiemsee – Ob Giuseppe Sammartini (1695 bis 1750), G. Ph. Telemann (1681 bis 1767), J.S. Bach (1685 bis 1750) oder Antonio Vivaldi (1678 bis 1741) – diese und andere Barockkomponisten waren „aus tiefstem Herzen Europäer.

Die verbindenden kulturellen Werte des Kontinents fanden ihren Weg in eine Klangsprache, die die vielfältigen Stilmerkmale unterschiedlicher Regionen spiegelte und bewusst verarbeitete.“

Die Worte im Programmheft deuteten es schon an, und das Concerto Köln mit 13 Streichern, Laute und Cembalo unter Konzertmeister und Solist Evgeny Sviridov und der Flötist Max Volbers machten klingende Geografie perfekt.

Lebendig, agil, virtuos zu spielen wird dem Kölner Orchester, das auf Originalinstrumenten spielt, zugeschrieben.

Homogen und rhythmisch
auf dem Punkt

Da nahm es nicht Wunder, dass die Tempi in den schnellen Sätzen bei G. F. Händels Concerto grosso in F-Dur op. 6/9 straff daher kamen, dass der Klang homogen und alles rhythmisch auf dem Punkt war. Aber, und jetzt kommt das Entscheidende: Dazu gesellte sich der persönliche, affektgeladene Zugriff, da sah man sich Geige und Cello zuzwinkern, da wiegte sich die zweite Geige mit einem Lächeln auf den Lippen.

Ganz im Zeichen musikalischer Harmonie und Partnerschaft stand auch das Violinkonzert in d-Moll 1052R: pulsierend im gemeinsamen Gestus, bis ins letzte virtuose Sechzehntel aufeinander abgestimmt, makellos und mit ansteckender Spielfreude.

Logik und Klarheit des polyphonen Barocks paarten sich mit Neugier und Mut in den Kadenzen. Wunderbar, wie Sviridov in seinen Soli zauberte und wie die Solo-Kadenz zum Tutti im finalen Allegro überschwang.

Unbekannte Londoner
Komponistin

Auf unbekanntes Terrain begab sich das Concerto Köln mit der Sonata Sesta G-Dur von Mrs Philharmonica, eine bis heute unbekannte Londoner Komponistin, wohl eine Zeitgenossin Händels. Die barocke Spielfreude und Lebenslust, die diesem kurzweiligen viersätzigen Werk innewohnt, kostete das Ensemble sichtbar freudig erfüllt aus. Aus Telemanns „Singender und klingender Geografie“ hatte das Concerto Köln zusammen mit Blockflötist Max Volbers einige Sätze ausgewählt: Vom substanzreichen Eröffnungssatz und verschiedenen stilisierten Tanz- oder Charaktersätzen aus Frankreich, Westfalen, Niedersachsen, den spanischen Niederlanden reisten Musiker und mit ihnen das Publikum weiter nach England, dargestellt in einer übermütigen Gigue.

Das Ensemble bewegte sich mühelos zwischen den Charakteristika der jeweiligen Länder und Max Volbers‘ Wechsel zwischen den einzelnen Sätzen von Sopran- zu Altblockflöte bereicherte zusätzlich den Klangreichtum. Mal beschwingt-belebt, mal höfisch-elegant oder gar Derwisch gleich im „Türkei. Les Turcs“ überschriebenen Satz.

Rasende Läufe an der
Grenze des Machbaren

Sammartinis „Concerto per flauto“ in F-Dur Satz schien dem Blockflötisten Volbers und dem Ensemble auf den Leib geschrieben zu sein: ein mehr als faszinierender Ensemblegeist, dazu der wunderbar warme Klang der Sopranblockflöte und die höchst virtuose und spektakuläre Spielkunst des Solisten. Da konnte man nicht einmal ein Zwischenatmen hören, die rasenden Läufe gingen geradezu an die Grenze des technisch Machbaren.

In Italien blieb man auch im finalen Concerto für Sopranino und Violine aus Vivaldis „L’estro Armonico“ in a-Moll RV 522. Vom quirligen allegro über ein sinnliches dolce zum leidenschaftlichen allegro war da alles dabei: lebendig und dynamisch, spannend und abwechslungsreich – was für ein Feuerwerk.

Als Zugabe zündete das Ensemble mit einem Satz aus den Bachschen Brandenburgischen Konzerten noch ein weiteres Feuerwerk. Die finale Verbeugung aller Mitwirkenden vorne an der Bühne war Sinnbild für die gemeinsam gelebte instrumentale und klangliche Vielfalt.

Wahrlich klingende Geografie.

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