Die Freiheit des Geistes

von Redaktion

Literaturarchiv Marbach übernimmt die Gästebücher von Schloss Neubeuern

Neubeuern – Zu Beginn der 2000er-Jahre wurde auf Schloss Neubeuern ein wertvoller Kunstschatz entdeckt. Insgesamt sieben liebevoll geführte, in Leder gebundene Alben brachten eine illustrative Mischung aus Bildung, Kunst, Musik und Literatur zutage und hinterließen ein bedeutungsvolles Vermächtnis. Sie zeugen nicht nur vom Aufenthalt teilweise sehr prominenter Gäste, die oft Monate auf Schloss Neubeuern verweilten, sondern erklären auch den historischen Werdegang, der zur Philosophie der Internatsschule führte – die bis heute gilt. Dieses einzigartige historische Konvolut zeigt einmal mehr, dass es gerade die Freiheit des Geistes ist, die den Weg zum „Menschsein“ bereitet.

Wert sofort
erkannt

Marie-Therese Miller von Degenfeld Schonburg, die Nichte der Schulgründerin Freifrau Julie von Wendelstadt, übergab die Bände an den Schlossarchivar und Chronisten Reinhard Käsinger. Dieser erkannte sofort ihren Wert. Durch das Bekanntwerden dieser Schenkung ergaben sich weitere Funde und die Übergabe weiterer Alben aus privatem Besitz. Schloss Neubeuern erfreut sich seither an diesem wertvollen Schatz und integriert dieses besondere Vermächtnis in seine traditionsreiche Kommunikation.

Sowohl der Schule als auch der Familie von Mrs. Miller stellte sich jedoch zunehmend die Frage nach dem langfristigen Verbleib der Alben, deren Inhalt auch für andere Archive von großem Interesse ist. So entstand der Kontakt zum Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Übergabe mit
Trennungsschmerz

Nach dem Abwägen vieler Aspekte erfolgte die Entscheidung zu einer Übergabe, die durchaus mit etwas Trennungsschmerz verbunden war. Dr. Anthony Miller stiftete die Gästebücher dem Deutschen Literaturarchiv. Damit entsprach er als Enkel von Marie-Therese Miller von Degenfeld-Schonburg ihrem Wunsch, die Gästebücher nach ihrem Tod dem Deutschen Literaturarchiv zu überlassen. Am 3. Juli um 17 Uhr wurden die Gästebücher schließlich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach feierlich übergeben. Die Begrüßung fand durch Prof. Dr. Sandra Richter, Direktorin des DLA, statt. Anschließend erfolgte eine Präsentation der Gästebücher durch Reinhard Käsinger und Dr. Gunilla Eschenbach, Leiterin des Erschließungsreferats für Handschriften des DLA. Als weitere Gäste waren anwesend: Rose-Marie Gräfin Degenfeld, als Angehörige der Familie, Kai Uwe Peter, Präsident der Deutschen Schillergesellschaft und Dr. Ulrich von Bülow, Leiter der Abteilung Archiv, Erwerbung und Bestandsbetreuung des Deutschen Literaturarchivs Marbach.

Schloss Neubeuern weiß seinen kostbaren Schatz nun in den besten Händen und freut sich schon jetzt auf die Erkenntnisse, die sich durch weitere Recherchen des Literaturarchivs ergeben werden. Jan von Wendelstadt war der Sohn des Darmstädter Bankiers Theodor Wendelstadt und der niederländischen Adligen Johanna Alberta Walkart van Idsinga. Im Jahr 1895 heiratete er Julie Gräfin von Degenfeld-Schonburg, die als Hofdame der Königin von Württemberg tätig war und durch diese Verbindung die „Herrin auf Schloss Neubeuern“ wurde. Von Beginn an wurden auf Schloss Neubeuern zahlreiche Künstler und Adlige empfangen.

Kulturelle Elite der
Jahrhundertwende

In den sieben von Reinhard Käsinger bereits weitgehend transkribierten Gästebüchern aus den Jahren 1882 bis 1939 verewigte sich die kulturelle, intellektuelle und politische Elite der Jahrhundertwende. Schloss Neubeuern im bayerischen Inntal wurde im Jahr 1882 von Jan Wendelstadt erworben – damit begann die Tradition der Gästebücher. Der erste Eintrag erfolgte im Mai desselben Jahres. Neben den schriftlichen Einträgen finden sich auch zahlreiche kunstvolle Aquarelle und Zeichnungen. In den Alben haben sich Literaten wie Hugo von Hofmannsthal, Rudolf Borchardt, Rudolf Alexander Schröder und Annette Kolb verewigt. Auch die Namen von bildenden Künstlern wie Theo van Rysselberghe, Anton Josef Pepino und Max Kleiber, von Aristokraten und Mäzenen wie Philipp Fürst zu Eulenburg, Harry Graf Kessler und Eberhard von Bodenhausen sind auf den Seiten zu finden.

Julie Freifrau von Wendelstadt gründete am 1. März 1925 das Landschulheim Neubeuern auf Schloss Neubeuern und Gut Hinterhör, das 1942 auf Anordnung des Gauleiters und Kultusministers Josef Wagner geschlossen wurde. Bis 1945 war die Schule durch eine sogenannte NAPOLA belegt. 1948 wurde die Schule als „Stiftung Landerziehungsheim Schloss Neubeuern“ neu gegründet und wiedereröffnet. Zu dieser Zeit erlangte Neubeuern erneut Bekanntheit durch die Treffen der „Gruppe 47“, einer legendären und einflussreichen Vereinigung deutschsprachiger Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Treffen der Gruppe fanden auf Gut Hinterhör in Altenbeuern statt, einem idyllischen Anwesen des Schlosses, das Jan von Wendelstadt Gräfin Ottonie von Degenfeld-Schonburg übergab.

Bis heute pflegt das Internatsgymnasium Kontakte zu einem weltweiten Netzwerk und setzt mit seinem Wirtschaftsforum die Tradition fort, Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft mit Unternehmern der Region sowie Schülern des Internatsgymnasiums zusammenzubringen. Damit setzt es neue Impulse im Bildungsbereich.

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