Glockenläuten trifft auf Gag-Dauerfeuer

von Redaktion

Simon Stäblein im Haberkasten

Mühldorf – Eigentlich gehörten die Kirchenglocken nicht zum Programm. Als ihr Läuten aber mehrfach in den Innenhof des Haberkastens drang, ließ sich Simon Stäblein davon nicht aus dem Konzept bringen. Im Gegenteil: Binnen Sekunden hatte der Comedian die ungeplante „Begleitmusik“ aufgegriffen und in seinen Auftritt eingebaut. Ein kurzer Blick nach oben, ein spontaner Kommentar – und schon hatte er die nächste Lachsalve auf seiner Seite.

Diese Szenen zeigten, was Stäblein an diesem Abend auszeichnete: Sein Programm ist zwar genau gebaut, wirkt aber nie starr abgespult. Der 38-Jährige beherrscht seinen Text ebenso sicher wie den direkten Umgang mit dem Publikum. Im restlos ausverkauften Innenhof brauchte er nur wenige Augenblicke, um die Besucher für sich einzunehmen.

Viele dürften Stäblein vor allem aus den sozialen Medien kennen. Dort funktionieren seine kurzen, pointierten Auftritte ausgezeichnet. Auf der Bühne bewies er jedoch, dass er weit mehr zu bieten hat als eine lose Folge internetgerechter Kurz-Gags. „Absolute Frechheit“ ist ein durchdachtes Abendprogramm mit erkennbaren Themen, wiederkehrenden Motiven und überraschenden Querverbindungen. Trotzdem bleibt das Tempo hoch: Ein Wortspiel jagt das nächste, auf eine Pointe folgt meist schon die Vorbereitung für den nächsten Treffer.

Dass Stäblein über reichlich Bühnenerfahrung verfügt, war in jeder Minute zu spüren. Der gebürtige Unterfranke studierte zunächst Betriebswirtschaft in Köln, entschied sich dann aber für die Comedy. Seit 2012 steht er auf der Bühne, wurde durch Formate wie „NightWash“ bekannt und gewann mehrere Comedy- und Kleinkunstpreise.

Offen und selbstironisch

Dabei macht er vor seinem Privatleben keineswegs halt. Offen und selbstironisch erzählt er von einer Beziehungskrise und der Trennung von seinem Mann. Er berichtet davon, wieder auf Partnersuche zu sein – und davon, dass sich das mit zunehmendem Alter nicht unbedingt einfacher gestaltet. Wo andere vielleicht ins Lamentieren geraten würden, entdeckt Stäblein zuverlässig die komische Seite. Er macht sich über gescheiterte Erwartungen ebenso lustig wie über sich selbst und seine eigenen Schwächen.

Sein Humor ist direkt, manchmal schonungslos und nicht immer für empfindliche Ohren bestimmt. Mancher Witz landet deutlich unterhalb der Gürtellinie, und auch bei der Wortwahl würde vermutlich nicht jede Jugendschutzbeauftragte begeistert Beifall klatschen. „Absolute Frechheit“ ist eben Comedy für Erwachsene und kein Familienprogramm. Doch die derberen Passagen wirken bei Stäblein selten wie bloße Provokation um ihrer selbst willen. Meist setzt er noch eine überraschende Wendung darauf oder macht sich selbst zum eigentlichen Ziel des Witzes.

Das Publikum nahm ihm diese Freiheiten offensichtlich nicht übel. Im Gegenteil: Im Innenhof wurde beinahe pausenlos gelacht. Stäblein verfügt über ein bemerkenswertes Gespür für Rhythmus. Er lässt einer Pointe gerade genug Zeit, um zu wirken, hält sich aber nicht lange mit dem Erfolg auf. Schon geht es weiter, schon folgt der nächste absurde Gedankengang, die nächste sprachliche Volte oder eine Beobachtung, bei der sich viele Besucher vermutlich ertappt fühlten.

Mit großer Souveränität

Stand-up-Comedy aus der Großstadtszene hat es vor einem bayerischen Publikum nicht automatisch leicht. Was im Internet in einem kurzen Clip funktioniert, muss einen ganzen Abend noch lange nicht tragen. Stäblein bestand diesen Test mit großer Souveränität. Er biedert sich nicht an und versucht auch nicht, seinen Stil für das Publikum zurechtzubiegen. Gerade damit gewann er die Menschen im Haberkasten offenbar schon nach den ersten Minuten.

Am Ende hatte der Titel des Programms sein Versprechen gehalten. „Absolute Frechheit“ war schnell, frech, stellenweise derb und vor allem sehr lustig. Selbst die Kirchenglocken konnten Stäblein an diesem Abend nicht stoppen. Sie lieferten ihm lediglich einen weiteren Gag. Gerd Kreibich

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