Ein denkwürdiger Start

von Redaktion

Die Sopranistin Marlis Petersen eröffnet „Festivo“ in Rohrdorf

Rohrdorf – Ein gutes Festival bleibt sich treu, ohne Konventionen zu zementieren. Dieser Spagat wird bei „Festivo“ beispielhaft gelebt. Seit 1993 bietet das Kammermusik-Festival aus Aschau alljährlich absolute Top-Qualität und erprobt immer wieder neue Programme oder Formate. „Festivo“ ist ein Ort der Begegnung und ein Laboratorium. Wie sehr das gerade heute wichtig ist, dafür hat Johannes Erkes bei der diesjährigen Eröffnung die richtigen Worte gefunden. Im neuen Atrium von Schattdecor in Thansau bei Rohrdorf dankte der Gründer und Leiter von „Festivo“ den zahlreichen Freunden, Förderern und Sponsoren der Reihe. Ein besonderes Dankeschön richtete Erkes an die Firma Schattdecor. Seit vielen Jahren ist sie auch eine der Spielstätten von „Festivo“. „Dieses Engagement für Kultur ist alles andere als selbstverständlich“, betonte Erkes.

Vielschichtige
Charakterstudien

„Ich bin überzeugt, dass solche Partnerschaften dazu beitragen, Menschen zusammenzubringen und den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft stärken.“ Bei diesen Worten applaudierten auch Mitglieder vom „Freigeist-Ensemble“, die bereits auf dem Podium waren. Mit der großen Sopranistin Marlis Petersen und Joolz Gale am Pult gestaltete die „Freigeist“-Truppe den Eröffnungsabend. Die Worte von Erkes haben einen Nerv getroffen. Es sind denkbar schwierige Zeiten. Ein Festival wie „Festivo“ kann und muss ein Anker sein. Auch von politischer Prominenz wurden diese Worte gehört. Ob der Rosenheimer Landrat Otto Lederer, der Landtagsabgeordnete Daniel Artmann, die Bürgermeister von Rosenheim, Aschau und der Gemeinde Neubeuern, die Rosenheimer Kulturreferentin Anke Hellmann oder der stellvertretende Generalkonsul Chinas: Sie alle waren zur „Festivo“-Eröffnung gekommen. Was nach der Ansprache folgte, das war denkwürdig. Als Sänger-Darstellerin gelingen Marlis Petersen auf der Opernbühne regelmäßig vielschichtige Charakter-Studien. Diese Wandelbarkeit in Stimme, Ausdruck und Wortgestaltung bewies sie nun auch in ausgewählten Liedern von Richard Strauss, Johannes Brahms, Alban Berg und Richard Wagner. Mit geradezu stupender Agilität wanderte Petersen zwischen Zeiten und Stilen. Sie schlüpfte in unterschiedliche Klanglichkeiten. Gleichzeitig wirkten Hochromantik und frühe Moderne wie ein organisches Ganzes. Petersen hat die Lieder stilgerecht und wohltuend entschlackt ausgestaltet, befreit von hohlem Pathos oder sentimentaler Larmoyanz. Dieses Profil hat das „Freigeist“-Ensemble aufgegriffen. Die Kammerfassungen der ausgewählten Lieder stammen von Gale. Er hat auch die Sinfonie Nr. 6 von Anton Bruckner nach der Pause für Kammerorchester bearbeitet.

Auf kleinere Besetzung
heruntergebrochen

Das gesamte Programm war in dieser Form eine Uraufführung. Bei „Festivo“ sind Kammerfassungen von sinfonischen Werken keine Seltenheit, aber: Die Fassungen von Gale sind besonders hörenswert. Auf originelle, kunstvolle Weise hat Gale die hochkomplexe „Sechste“ von Bruckner auf eine ungleich kleinere Besetzung heruntergebrochen, ganz ohne Abstriche im Klang. Da wurden Details hörbar, die sonst allzu oft im orchestralen Übermaß untergehen. Eine derart frische, stringente „Sechste“ erlebt man selten. Bei „Festivo“ würde man gerne weitere Fassungen dieser Art hören. In der Festhalle Hohenaschau folgt am Samstag die Mozart-Oper „Entführung aus dem Serail“ im Taschenbuch-Format. Bei Schattdecor gastiert „Festivo“ vier Tage später. Erkes streicht die Bratsche, begleitet von dem wunderbaren Pianisten Dejan Lazic.

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