Herrenchiemsee – „Rückblick und Reflexion“ war das Konzert mit dem Kammerorchester Basel und der Cellistin Anastasia Kobekina überschrieben. Zum Auftakt erklangen drei leichtfüßig-tänzerische Menuette für Streichquartett von Giacomo Puccini, für Kammerorchester bearbeitet von Matthias Arter. Eine traditionelle Menuett-Form, ja, aber eben mit einem Hang zur Moderne.
Elegant, raffiniert
und witzig
Optisch mit bunter Konzertkleidung zur Schau gestellt, aber viel wichtiger, elegant, raffiniert und witzig – hervorzuheben sind hier beispielsweise die pizzicato-Einwürfe von Bässen und Hörnern im dritten Menuett – unter der Leitung von Violonist Laurentiu Stoian dargeboten. Peter I. Tschaikowsky griff in seinen „Variationen über ein Rokoko-Thema für Violoncello und Orchester“, op. 33, auf die formalen Gesetzmäßigkeiten des Rokoko zurück. Und doch gibt es weder Puderperücken noch höfische, verschnörkelte Opulenz, auch wenn immer wieder Mozart durchschimmert, heiter, unbeschwert. Tschaikowskys Rokoko-Variationen sind anders, moderner. Das vom Orchester eingeleitete Thema wird vom Cello imitiert, klingt auch in den nachfolgenden Variationen immer wieder an. Großartig, wie sich Orchester (vor allem die solistischen Holzbläser) und Cello da miteinander im Konzert die Bälle zuwarfen. Im „andante sostenuto“ schimmerte romantische Schwermut durch, die Anastasia Kobekina mit jeder Faser auslebte, melancholisch von den Holzbläsern und den dunkel grundierten Streichern begleitet. Elegant-verspielt kam das „andante grazioso“ daher. Es war eine Freude zu erleben, wie Kobekina eins war mit ihrem Instrument, wie sie mit Genuss die langsamen und tiefen Passagen auskostete und wie sie mit Leichtigkeit die rasanten Läufe, Triller oder Oktavenwechsel nahm. Das Orchester gab den ebenbürtigen Partner, spielte gleichsam wie aus einem Guss, glasklar, hellwach. Das „allegro vivo“ geriet fürwahr zum fulminanten Höhepunkt. Die Ungarischen Tänze von Johannes Brahms, bearbeitet von Kobekinas Vater Vladimir für Cello und Orchester, kamen mit nicht minder viel Elan, aber auch mit viel Feingefühl daher. Gewürzt mit volkstümlich anklingenden Tänzen und einer Prise Humor: Im presto wetteiferten da Cello und Orchester als Vogelstimmen, selbst ein Kuckuck verirrte sich auf die Bühne. Von den Tänzen ungarischer Art zum feurigen „fandango.“ Bei der Zugabe – das Original stammt aus der Feder des Rokoko-Komponisten Luigi Boccherinis Gitarrenquintett Nr. 4 in D-Dur und wurde vom italienischen Cellisten und Komponisten Giovanni Sollima bearbeitet – bot Kobekina wahrlich noch einmal alles auf, archaische Kraft, energische und mitreißende Spielweise, Heia-Rufe, rhythmisches Fußklopfen (die Solistin war barfuß!), Doppelgriffe, Lagenwechsel und Saitenklopfen (würdiger Ersatz für die fehlenden Kastagnetten) inklusive. Standing Ovations, die Kobekina strahlend entgegennahm und doch dabei stets auf ihr Instrument, das Cello, verwies. Nach der Pause gab es weitere Rokoko-Variationen mit der Brahmsschen Serenade Nr 2 in A-Dur. Keine Violinen, nur Bratschen (Jaume Angelès Fité als Leiter neben Laurentiu Stoian am ersten Pult), Celli und Kontrabässe sowie je zwei Flöten, Oboen, Klarinetten, Hörner und Fagotte sowie ein Piccolo im Finale.
Heiter, leicht und
beinahe volkstümlich
Eine solche Besetzung war wie geschaffen für den Spiegelsaal. Pastoral der erste Satz, reizvoll schnell das Scherzo, elegisch-ernsthaft das Adagio, beinahe schwermütig das quasi Menuetto gefolgt von einem finalen fröhlichen, bukolisch anmutenden Rondo – eine Serenade, dunkel gefärbt ob der fehlenden Geigen, doch heiter, leicht, beinahe volkstümlich. Rokoko-Variationen eben.