Hafendorf – Die Künstlerin Antje Tesche-Mentzen bezeichnet ihn ganz zu Recht als einen Wundermenschen. Der amerikanische Pianist Kit Armstrong, über den bereits eine Biografie veröffentlicht wurde, ist nicht nur ein Meister auf seinem Instrument. Sein bescheidenes, uneitles Auftreten und die freundliche Art, mit der er einzelne Musikstücke erklärt, nahm das Publikum augenblicklich gefangen. Im Atelier von Antje Tesche-Mentzen in Hafendorf spielte Kit Armstrong auf einer Klaviermatinee Werke von Mussorgsky, Chopin und Liszt sowie eigene Kompositionen, die von Skulpturen und Bildern der Künstlerin angeregt worden sind.
Kit Armstrong bezeichnete das Atelier in der ländlichen Idylle von Hafendorf als einen wunderschönen, inspirierenden Ort. Ihm komme es darauf an, Verbindungen zwischen den Künsten aufzuspüren und zu entfalten. Schon immer habe er sich für die Malerei begeistert. Wirke ein visuelles Kunstwerk aber unmittelbar, sei seine Verwandlung in ein Musikstück erst durch die Zeit wahrnehmbar. Der Pianist spielte zunächst Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung.“ Mussorgsky habe darin den Besuch der Ausstellung eines Freundes und seine Emotionen bei der Betrachtung der Bilder beschrieben. Das berühmte Anfangsthema der Promenade symbolisiere die gehende Bewegung des Betrachters durch die Ausstellung. Kit Armstrong faszinierte das Publikum mit spielerischer Brillanz, technischer Perfektion und einem Ausdrucksreichtum ohnegleichen. Bereits das immer wiederkehrende marschähnliche Hauptmotiv übte auf die Hörer eine magische Wirkung aus. Im ersten Bild „Gnomus“ konnte man sich hervorragend einen grotesk herumstolpernden Zwerg vorstellen, berührend war „Das alte Schloss“ zu düsterem Bass. Staccati, Vorschläge und helle Trillerketten beherrschten das „Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen“.
Kraftvoll spielte der Pianist die schwer lastenden Akkorde im Bild „Katakomben“. Barbarische Rhythmen und Akzente kennzeichneten nach dem zart anklingenden Motiv der Promenade „Die Hütte der Baba Yaga“. Im letzten Bild mit dem Titel „Das große Tor von Kiew“ brachte der Pianist mit feierlichem Ernst einen majestätischen Choral samt Glockenschlägen zum Erklingen.
Die As-Du-Ballade von Chopin zeigte erneut Kit Armstrongs große pianistische Virtuosität. Sanft und zart zu Beginn mit einem lyrischen Thema, dann mit fesselnder Dramatik, entfaltete sich die poetische Geschichte über einen Wassergeist. Mal hell und durchsichtig, mal funkelnd und perlend widerspiegelte der Ton des Klaviers die Herrlichkeit des Wassers.
Nach der Pause spielte Kit Armstrong zu Bildern und Skulpturen von Antje Tesche-Mentzen kunst- und fantasievoll eigene Kompositionen. „Freie Gedanken sind unausformulierte Gedanken“, erklärte der Pianist. Zarte Akkorde mit weichem, getupftem Anschlag, dann wieder träumerisch fließende Läufe, aber auch erregt hämmernde Rhythmen beschrieben eine Bronzestatue der Künstlerin. „Aus der Erde entsteht Natur, aus den Blättern des Menschenbaums entsteht der Himmel mit Augen“, meinte der Pianist. Auf rasche, fast jazzige Akkorde und gläsern klare Triller folgten Rhythmen, die zwischen Licht und Dunkelheit wechselten.
Hohes technisches Können und große Virtuosität erforderte die h-Moll-Ballade von Franz Liszt. Ein liebliches Thema in Fis-Dur steht zunächst einem chromatischen Hauptthema gegenüber, dann werden beide Themen in die stürmische Durchführung eines Allegro deciso hineingezogen. Am Ende wendet sich die Ballade nach einer grandiosen Steigerung einem zart-elegischem Ausdruck zu. Ihre düster drängenden Passagen spielte Kit Armstrong energisch und kraftvoll, dann wieder schien er die Tasten im Pianissimo sanft und liebevoll zu streicheln.
Ein Bild, auf dem eine karge, graue Landschaft mit einem gelb leuchtenden Tal zu sehen ist, sei auch ein Sinnbild für das Klavier. „Die hohen Töne rechts und die tiefen links entsprechen nicht der menschlichen Stimme, in der Mitte aber findet das Leben statt und der Gesang“, so Armstrong.
Mit marschähnlichen militärischen Rhythmen und Themen von Nationalhymnen, sanften Akkorden und Klängen, die an ein Glockenspiel erinnerten, beendete Kit Armstrong sein brillantes Spiel, für das er vom Publikum begeisterte Ovationen erhielt. Georg Füchtner