Mühldorf – Um ehrlich zu sein, es hat einen eigenartigen Beigeschmack, wenn eine berühmte Mutter dank ihres Namens die Tochter ins Rampenlicht der Bühne führt, ein Sohn zu seinem herausragenden Vater auf die gut vorbereiteten Bretter klettert, die vermeintlich die Welt bedeuten. Da stimmt doch was nicht. Um nur ein Beispiel zu nennen: Vor einigen Jahren im Schlosspark von Tüßling, wo Sting den Sohn als Vorband aufbot, nur um ihn dann an Musikalität, Genialität und – ja auch – Jugendlichkeit weit zu übertreffen.
Jetzt beim Mühldorfer Sommerfestival also Uthoff und Uthoff. Einer der bekanntesten deutschen Kabarettisten und seine zum Zeitpunkt der Programmpremiere von „Einer zu viel“ vor gut einem Jahr noch minderjährige Tochter. Vater Max, Großmeister aus der TV-Sendung „Die Anstalt“, Teenager Toni, 18-jährige, einstige Schulabbrecherin. Vater und Tochter, Kabarett-Star und Heranwachsende, ein Miteinander und Gegeneinander von zwei Generationen auf der Kabarettbühne, kann das gehen? Es kann. Und wie gut es gehen kann!
Den Anfang macht der Vater ganz allein auf der Bühne. Trump, Fritze Merz, ein kabarettistischer Schnelldurchlauf, drei Sätze, fünf Pointen. Schnell, routiniert, witzbewusst. Dann ein Zwischenruf von hinten, und noch einer und ein Satz über die alten weißen Männer, die wieder mal vorne stehen: auf der Bühne und in der Weltpolitik. „Warum entscheiden Menschen, die keine Zukunft mehr haben, über unsere Zukunft?“
Mit einem Schlag ist klar, ein uthoffnormaler Abend wird das nicht. Sie ist giftig, die junge Frau, die neben dem 58-Jährigen steht, die das gesellschaftliche Unbehagen und die Differenz zwischen den Generationen sofort mit persönlicher Kritik verknüpft und den Vater und sein Tun infrage stellt: „Trotzdem ist Fritze Merz Bundeskanzler und Alice Weidel existiert.“ Der Ton ist gesetzt und wird sich an diesem Abend ständig und in alle möglichen Richtungen einer Vater-Tochter-Beziehung entwickeln: Gegenseitige Vorhaltungen, Annäherung und Verständnis, Mitgefühl und Ablehnung. Und ein bisschen lernen voneinander.
Zwischen Vorwurf
und Verständnis
Uthoff und Uthoff halten das Wechselspiel durch, bedienen Klischees und zerstören sie, lösen sich von der eigenen Sicht der Dinge, nur um sie kurz darauf wieder zu bedienen. Kritisiert er ihre Informationsbeschaffung über TikTok und Co., macht sie sich über seine Nutzung der sozialen Medien bei der Suche nach dem Rezept für die beste Zimtschnecke lustig. Berichtet sie sehr offen und schonungslos über ihre Depression im Kindesalter, schlägt er den Bogen zur Kritik an der Politik, die psychologische Hilfe einschränkt. Zieht er sie für die Ausbeutung von Menschen durch Wegwerfmode zur Verantwortung, kontert sie mit der jahrzehntelangen Verantwortung seiner Generation für politische Missstände, für Frauenfeindlichkeit und Klimawandel.
Toni Uthoff ist brutal souverän, eine coole Socke. Sie spielt, als stünde sie schon ewig auf der Bühne: frisch, unverbraucht und angriffslustig. Dabei aber weit gesellschaftskritischer als viele Altersgenossinnen in den unendlichen Weiten der ach so witzigen Social-Media-Sex-Comedy. Voller ablehnender Distanz und Zuneigung zum Vater.
Max Uthoff wirkt zeitweilig angefasst, er kann ja auch nicht wirklich aus der Vater-Rolle raus. Er ist sichtbar stolz auf seine Tochter und von ihren Attacken getroffen. Er ist nachdenklich und bleibt doch auch seiner Sicht der Dinge treu. Oft schimmert durch, wie groß die Kluft zwischen den Generationen ist und bleibt. „Hat nicht irgendwer Lust, mich zu adoptieren“, sagt Toni. „Kein Kabarettist hat das vor mir ertragen müssen“, sagt Max. Ja, es ist ernst – und sehr lustig.
Einseitiges Publikum für
einen gelungenen Dialog
Schade, dass diese Aufführung eines Generationen-Konflikt-Dialogs im Publikum nur auf eine Seite der Beteiligten trifft. Im ausverkauften Innenhof des Haberkastens sitzen mit kaum einer Ausnahme alte weiße Männer – und alte weiße Frauen. So altersdivers die beiden Protagonisten sind, so kabarett-typisch fortgeschritten ist das Publikum.
Es wäre interessant gewesen, den lauen Sommerabend auf dem Stadtplatz bei einem Glas Weißwein oder Matcha Latte – je nach Generationszugehörigkeit – gemeinsam und gegeneinander ausklingen zu lassen. Denn das Rezept für die beste Zimtschnecke haben die beiden Uthoffs an diesem wirklich guten Abend nicht gefunden. Ganz sicher aber ein paar treffliche Rezepte für das Verständnis und den Dialog der Generationen. Und auch für das, was sich wohl niemals heilen lässt.