Prien – Die Mittags-Orgelmusik im Sommer in der katholischen Priener Pfarrkirche hat mittlerweile schon eine kleine Tradition: Vier Samstage hintereinander laden Orgelstudentinnen und -studenten zur halbstündigen Orgelmusik. Dieses Mal saß „Lokalmatador“ Aaron Voderholzer an der großen Woehl-Orgel, und der Masterstudent Orgel und katholische Kirchenmusik an der Musikhochschule München hatte ein spannendes Programm vorbereitet. Den Auftakt machte das Präludium in e-Moll (groß) von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697), ein norddeutscher Orgelkomponist, von dem nur wenige Kompositionen erhalten sind. Bedauerlich, denn das Werk besticht durch seinen ausladenden, fantasievollen und farbenreichen Aufbau.
Vom einleitenden Rechte-Hand-Solo über klangmächtiges Manual- und Pedalspiel geht es über in eine fünfstimmige Fuge – für den Organisten angesichts der mehrfachen Kontrasubjekte in den Fugen und der improvisatorisch geprägten Affektvielfalt herausfordernd. Doch davon merkte man im Kirchenschiff nichts, im Gegenteil, für die zahlreichen Zuhörer war es ein einnehmendes Klangerlebnis, ein exquisiter Genuss. Felix Mendelssohn Bartholdys (1809-1847) „Variations sérieuses“ für Klavier op. 54 hatte Aaron Voderholzer für Orgel bearbeitet: Souverän und makellos nahm er die Repetitionen und Läufe, lieferte technisch brillant toccatenhafte Variationen mit manch ornamentaler Ausschmückung und blieb doch kantabel im Gestus. Beim Cantabile in H-Dur aus César Francks (1822 bis 1890) „trois pièces pour grand orgue“ erklangen lyrisch-fließende und doch schimmernd-transparente Klangfarben. Aaron Voderholzer ließ die Orgel singen – was für eine meditative Wirkung. Die aber mit dem klangmächtigen „le vent de l’esprit“ aus der Pfingstmesse von Oliver Messiaen (1908 bis 1992) binnen Hundertstel von Sekunden zerstob. Denn hier gilt es eine musikalische Vision des „gewaltigen Brausens“ nachzuzeichnen. Die Woehl-Orgel mit ihren 50 Registern, drei Manualen und einem Pedal, dazu ein symphonisches Windsystem mit acht Bälgen, mechanischer Spiel-, elektrischer Registertraktur sowie mechanischen Koppeln hielt der an Spannungsklängen reichen Tonsprache stand. Rau, beinahe spröde, viele rhythmische Wechsel – da war nichts mit reinem Lauschen. Genau so wie es in der Apostelgeschichte steht: „Ein gewaltiges Brausen erfüllt das ganze Haus.“ Und doch war man noch lange nach dem Konzert erfüllt von dem gewaltigen Brausen des Geistes. Diesen Sommer gibt es noch zwei weitere Orgelkonzerte in Prien: Am 1. August spielt Lucas Bastian und am 8. August Robert Hogrebe. Der Eintritt ist frei, Spenden für die Priener Kirchenmusik werden erbeten. Elisabeth Kirchner