Erl – Gewiss sind Werke von Schubert und Mozart an einem Klavierabend erwartbar. Unerwartet ist es, wenn sie mit Werken von Leoš Janácek und Sergej Prokofjew kombiniert werden. Und ungewöhnlich ist es, wenn Tod, sorgloser Gesang und Heiterkeit aufeinandertreffen. Der 1988 in Brescia geborene Federico Colli hat es in seinem Klavierabend bei den Tiroler Festspielen getan und viel Zustimmung dabei erfahren.
Die Sonate „1.X.1905“ im düstersten es-Moll mit ganzen sechs „b“ hat Janácek auf den Tod eines tschechischen Demonstranten in Brünn an genau diesem Tag komponiert. „Vorahnung“ und „Tod“ heißen die beiden Sätze, ein heroisches Epitaph in Tönen. Zart und zugleich hart, anklagend und gefühlsüberwallend zugleich bis zum Aufschrei gestaltete Federico Colli diese grübelnde, leis brodelnde, auch mal singende und todesschwangere Musik.
Colli verwirrte dann die Zuhörer, weil er ohne Übergang überging zu den „Visions fugitives“ op. 22 von Sergej Prokofjew. Der Titel bezieht sich auf ein Zitat des russischen Dichters Konstantin Balmont: „In jeder flüchtigen Vision erblicke ich Welten, / Erfüllt vom Wechselspiel der Regenbogenfarben.“ In der Tat enthält jede der insgesamt zwanzig Visionen eine ganze, in Regenbogenfarben schillernde Welt, mal impressionistisch melodiös, mal zauberhaft wie aus weiter Ferne, mal motorisch bewegt oder in sich burlesk kreiselnd, dann wieder witzig-clownesk oder kapriziös tanzend oder stockend humpelnd und am Ende toccatenhaft-schlagzeugartig. Federico Colli überzeugte mit feinsten Pianissimi im Diskant, glitzernder Virtuosität und duftigem Anschlag. Die Visionen ließen traumartige Bilder im Kopf der Zuhörer entstehen und boten dem Pianisten viele Gelegenheiten, seine Anschlags- und Gestaltungskunst zu demonstrieren.
Ernst und gesammelt, doch auch wie beiläufig wie aus dem Moment entstehend begann Colli nach der Pause die heiter-sonnige A-Dur-Sonate D 664 von Franz Schubert, wie singend und fantasierend vor sich hinsingend. Das Andante, wieder ein still hingesungenes Lied, kam ganz traumverloren und, obwohl in D-Dur stehend, von Wehmut umflort. Den Schlusssatz im perlend-wiegenden Rhythmus nahm Colli in sehr schnellem Tempo, das er immer wieder unmerklich variierte – vielleicht, um der Gefahr der „Leierkastenhaftigkeit“ des immer wieder wiederholten Themas, von der das Programmheft sprach, zu entgehen.
Reine A-Dur-Heiterkeit herrschte dann in Mozarts berühmter Sonate KV 331, der mit dem allbekannten „Alla-turca“-Finale. Mit delikatem Anschlag, spritziger und fast spitzbübischer Verzierungslust und Tempovariationen spielte Colli sich durch die Variationen des Kopfsatzes. Als Meister der Kostbarkeiten zeigte er sich im Menuett, das so romantisch überraschungs- und abschweifungsreich wie von Schubert komponiert erklang. Und dann ließ Colli es Janitscharenmusik-artig knallen im Finale, mit heftigen Akzenten und einer eigenwilligen Verkürzung der Anfangs-Sechzehntel, die so zu einem Pralltriller wurden.
Diesen Satz wählte er auch als dritte und letzte der Zugaben, die sich die die begeisterten Zuhörer erklatschten – allerdings in der furios verjazzten Version von Fazil Say. Davor hatte Colli die Händel-Arie „Lascia ch’io pianga“ gespielt („eine Arie aus meiner italienischen Heimat“, wie Colli schmunzelnd sagte) sowie die silberglitzernde Sonate d-Moll L. 366 von Domenico Scarlatti. RAINER W. JANKA