Götterfunke springt über

von Redaktion

Finale der 25. Herrenchiemsee Festspiele mit Beethoven und Schiller

Herrenchiemsee – Mit Ludwig van Beethovens (1770 bis 1827) Symphonie Nr. 9 d-Moll, op. 125, mit Schlusschor über Schillers „Ode an die Freude“ endeten die diesjährigen Festspiele auf Herrenchiemsee. Eine besondere Geste, schließlich feiert man seit einem Vierteljahrhundert Festspiele, und würdigte damit zugleich den Gründer und langjährigen Intendanten Enoch zu Guttenberg (1946 bis 2018).

Schon zum Entree gab es wahre Freudenklänge: Alphörner begrüßten die Festkonzertbesucher, deren Weisen von Melodien eines Hornquartetts vom Balkon des Schlosses herab respondiert wurden. Im Programmheft war nachzulesen, dass „der Kuss der ganzen Welt“ als europäisch-humanistischer Ansatz zu verstehen sei.

Fortschritt
durch Aufklärung

Kunst als Antwort auf die allgegenwärtigen Menschheitsfragen. Wie würden Schirmherr und Dirigent Kent Nagano mit dem Orchester und Chor der KlangVerwaltung dieses Ideal einer Verbrüderung der Menschheit umsetzen? Beethoven hätte sich genau ein solches Konzert wohl vorgestellt. Das Vorwärtstreiben, die Idee von Fortschritt durch Aufklärung, die universellen Klänge, die jeden Menschen erreichen wollen, wie Kent Nagano in einem Interview mit der Deutschen Welle im August 2020 Beethovens Komposition erklärte, all das wurde im Spiegelsaal hör- und erlebbar. Dank des mal entschlossen zupackend, mal elegant dirigierenden Dirigenten, dank des dynamisch und klang-stark agierenden Orchesters der KlangVerwaltung (mit Rebekka Hartmann und Josef Kröner, geschäftsführender Intendant der Herrenchiemsee Festspiele, am ersten Pult), dank des glasklar artikulierenden und trotzdem kompakt klingenden Chores der KlangVerwaltung (künstlerischer Leiter Andreas Klippert), und dank der großartigen Solisten Elisabeth Breuer, Sinja Maschke, Maximilian Schmitt und Thomas Laske, der kurzfristig für den erkrankten Thomas E. Bauer einsprang. Das Tempo „Allegro man non troppo, un poco maestoso“ und das „molto vivace“ des zweiten Satzes nahm der Maestro wortwörtlich, etwas energischere Handbewegungen des Maestros waren dafür auch in den ersten ein, zwei Takten notwendig. Das Orchester zeigte sich durchgängig konzentriert und hellwach, hatte hörbar Spaß an den Rhythmus- und Dynamikwechseln und deckte mit einer wie selbstverständlich wirkenden Leichtigkeit Stimmen und Stimmungen auf.

Klangliche Wucht
entfaltet sich

Das „adagio molto e cantabile“ wirkte kammermusikalisch entspannt, schwebend, während sich im vierten Satz eine enorme klangliche Wucht entfaltete. Dabei ging es mit einer wahrlich luftig und sauber gesungenen Melodie der Kontrabässe los. Das Orchester warf sich stets virtuos ausmusizierend die Bälle zu. Die Spannung wogte zwischen pp und ff, zwischen samten und dramatisch und gipfelte in dem Bass-Aufruf „Oh Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen und freudenvollere“, in den die Männerstimmen des Chores mit „Freude“ wohltemperiert und überzeugend miteinstimmten.

Überhaupt erwies sich der Chor als transparenter Übermittler der Botschaft der „Ode an die Freude.“ Die Solisten glänzten nicht minder exzellent in Aussprache und Dynamik. Diese Darbietung der „Ode an die Freude“ sorgte für Gänsehaut – klar, die Hymnik ist vertraut, aber mehr noch waren es die musikalische Deutlichkeit und das Ausformulieren musikalischer Gedanken bis in die letzte Einzelheit, die den Götterfunken überspringen ließen.

Schon beim Festakt zur Eröffnung wurden die Gäste zum Miteinstimmen in den Chor „Alle Menschen werden Brüder…“ eingeladen. Mit Beethovens neunter Symphonie und der „Ode an die Freude“ fanden die 25. Herrenchiemsee Festspiele einen würdigen, einen runden Abschluss. Kunst als Medium für ein hehres, aber nach dieser erfüllenden Musik nicht unmöglich erscheinendem Ideal.

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