Mühldorf – Es brauchte an diesem warmen Sommerabend nicht viel Fantasie, um sich ein Stück weiter südlich zu fühlen. Der historische Innenhof des Haberkastens, der klare Himmel, die angenehme Wärme und dazu die Musik eines Sizilianers: Für einige Stunden hätte die Kulisse ebenso gut zu einer kleinen Stadt am Gardasee oder zu einem Platz irgendwo in Italien gehören können.
Dabei war Pippo Pollina keineswegs zum ersten Mal in Mühldorf zu Gast. Alle paar Jahre kehrt er in den Haberkasten zurück – und längst scheint es, als würde das Publikum schon auf ihn warten. Das Konzert beim Sommerfestival war ausverkauft. Das Erstaunliche dabei: Wohl nur ein kleiner Teil des Publikums beherrschte die italienische Sprache so gut, dass er jeden Text vollständig verstehen oder gar mitsingen konnte. Doch bei Pollina ist das kein Hindernis. Seine Stimme, seine Gestik und die Intensität seines Vortrags erzählen oft schon genug. Gefühl braucht nicht immer eine Übersetzung.
Ein Liedermacher
mit Botschaft
Pippo Pollina ist kein Schlagersänger, der ein paar italienische Urlaubsträume mit eingängigen Refrains verkauft. Er steht in der Tradition der Cantautori, jener italienischen Liedermacher, für die eine Melodie immer auch eine Geschichte, eine Haltung oder eine Botschaft trägt. In Deutschland ließe er sich am ehesten mit Künstlern wie Reinhard Mey oder Hannes Wader vergleichen.
Pollina singt über den Alltag, über die Liebe und die kleinen Beobachtungen des Lebens. Er beschäftigt sich aber ebenso mit Krieg und Frieden, politischer Gewalt, Flucht und gesellschaftlicher Verantwortung. Seine Lieder können leicht und lebensfroh sein. Sie können aber auch unbequem werden und zum Nachdenken zwingen.
Dabei wirkt er nie wie ein Mann, der sein Publikum belehren möchte. Seine Friedensbotschaft kommt nicht als erhobener Zeigefinger daher. Pollina erzählt, erinnert und stellt Fragen. Er vertraut darauf, dass seine Zuhörer selbst weiterdenken. Auch ernste Stücke wie „Fra guerra e pace“ verlieren sich deshalb nicht in Bitterkeit. Immer bleibt die Hoffnung, dass Menschen etwas verändern können.
Auf der Bühne ist Pollina ein ungemein sympathischer Gastgeber. Er moderiert charmant, erzählt mit italienischem Temperament und sucht immer wieder den direkten Kontakt zum Publikum. Nichts wirkt einstudiert oder bloß routiniert.
Seine Stimme ist unverwechselbar. Mal besitzt sie eine raue, beinahe kratzige Färbung, dann wird sie weich und melodisch. In einzelnen Momenten mag man sich ein wenig an Adriano Celentano erinnert fühlen.
Doch Pollina braucht diesen Vergleich eigentlich nicht. Er hat längst seinen eigenen Klang, seine eigene Sprache und seine eigene Art, ein Lied wachsen zu lassen. Mit Gitarre oder am Klavier zeigte er sich zugleich als hervorragender Musiker. Er begleitete sich nicht nur, sondern gab den Liedern Rhythmus, Dynamik und Farbe. Mal stand er allein im Mittelpunkt, dann wieder überließ er seiner Begleitband viel Raum.
Und diese Band war an diesem Abend weit mehr als bloße Unterstützung. Hier standen ausgezeichnete Musiker auf der Bühne, die aufeinander hörten und Pollinas Lieder mit großer Präzision, aber ebenso viel Spielfreude gestalteten. Jeder setzte eigene Akzente, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Die Arrangements konnten beinahe kammermusikalisch fein wirken und im nächsten Moment rhythmisch so viel Kraft entwickeln, dass es im Innenhof kaum jemanden ruhig auf seinem Platz hielt. Der spontane Applaus galt deshalb immer wieder auch den Musikern. Das Publikum spürte, dass hier nicht einfach ein Sänger mit austauschbarer Begleitung auftritt. Es erlebte ein Ensemble, das gemeinsam atmete und bei aller musikalischen Klasse nie die Freude am Spielen verlor.
Gerade dieser Wechsel machte den Abend besonders. Nach leisen, poetischen Liedern konnten plötzlich südländische Rhythmen aufbrechen. Auf Nachdenklichkeit folgte Lebensfreude. Pollina ließ Trauer und Hoffnung, Protest und Leichtigkeit nebeneinander bestehen. Seine Musik behauptete nicht, dass alles gut sei. Sie erinnerte aber daran, dass das Leben trotz allem schön sein kann.
Nähe zwischen
Bühne und Publikum
Im Haberkasten traf diese Musik auf das ideale Publikum. Die Mühldorfer hörten aufmerksam zu, ließen sich von den ernsten Liedern berühren und feierten die mitreißenden Stücke mit sichtbarer Freude. Zwischen Bühne und Zuschauerraum entstand jene Nähe, die sich nicht planen lässt.
Nach mehr als zwei intensiven Stunden wollte das Publikum seinen Pippo noch lange nicht gehen lassen. Der Applaus wurde immer stärker, Zugaben wurden lautstark eingefordert und am Ende zeigte sich auch der Künstler sichtlich bewegt. Pollina versprach, wiederzukommen. Das darf man durchaus als gegenseitige Verabredung verstehen. Denn wenn er das nächste Mal im Haberkasten auftritt, werden viele der Besucher dieses Abends ganz sicher wieder auf ihn warten.