Eine oder zwei Feldkirchen?

von Redaktion

Im bairischen Sprachraum kann das -n vom Genitiv oder Dativ Singular in den Nominativ Singular wechseln

Feldkirchen – „Welcher deutsche Ortsname besteht nur aus einem einzigen Buchstaben?“ fragt in lustiger Runde die aus Friesland gebürtige Diplom-Pädagogin Heike. Da gibt’s nichts zu lachen – zumindest in der Zeit des Nachdenkens. Die Heike beendet das Grübeln und Studieren der Tischgenossen mit der Beantwortung: „M“! Ach so. Jeder kennt ja hinlänglich die Vorliebe in Norddeutschland, die Wortendungen – die Endung‘ – zu verschlucken beziehungsweise ganz wegzulassen. Also: Gemeint war Emden!

Hatte sich auch in die Redaktion dieser Zeitung ein Endungen-ferner Druckfehlerteufel eingeschlichen? In der letzten Folge dieser Serie ging es um das -n im Begriff Filzn, Filzen. Welche Zeitungsüberschrift war korrekt bairisch? „Moorbrand in den Damberger Filzen“ oder „Waldbrand beim Damberger Filz“ oder „Waldbrand in der Damberger Filzen“?

Klar: Eine weibliche Filz ist sprachlich ganz und gar unmöglich. Der Filz ist maskulinen Geschlechts. Somit war die Überschrift „Waldbrand beim Damberger Filz“ korrekt, auch wenn in unserer Region eher nicht vom Filz die Rede ist, wenn es um Moor und Moos geht, sondern von der femininen Filze, auf Bairisch Filzen, Filzn und Fuizn. Richtig war somit zusätzlich auch die Überschrift „Waldbrand in der Damberger Filzen“. Die Überschrift „Moorbrand in den Damberger Filzen“ ist aus zwei Gründen falsch: Erstens gibt es nur EINE Damberger Filze, zweitens kann das Endungs-n bei bestimmten Wörtern auch die Einzahl ausdrücken. „Heid gehma auf d‘ Wiesn“. Oa Wiesn oder zwoa oder drei Wiesn? Eben!

Wie das n in die Einzahl von Filze, Wiese, Kirche, Hose und andere Wörter femininen Geschlechts in die bairische Sprache rutschte, kann uns zuvorderst Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832) erklären. Klang es eher poetisch, oder war es noch übliches Deutsch, als gegen 1770 in einem Gedicht des 21-jährigen Poeten von einem „Röslein auf der Heiden“ die Rede war? Nein, kein Druckfehler dieses Mal! „Heide-n“. Die „Heide“ hatte im 1. Fall (Nominativ) ein -e stehen, in der Mehrzahl ein -en; das -en stand aber zugleich auch in den anderen Fällen der Einzahl am Wortende. „Auf der Heiden“: Hier im Dativ.

Im bairischen Sprachraum konnte das -en, später -n, vom Genitiv oder Dativ Singular in den Nominativ Singular wechseln. Sehr schön lässt sich diese Entwicklung in unseren „Kirchen-Ortsnamen“ verfolgen.

Feldkirchen in der Gemeinde Feldkirchen-Westerham hieß 804 (Kopie von 824) „… de ecclesia ad (von der Kirche bei) Feldkirc“ (Traditionen Freising Nr. 197), 1020-1035 (Tegernseer Entfremdungslisten A 1.2) „Veldchiricha“ (Kopie 12. Jahrhundert) und Anfang des 12. Jahrhunderts schon „Uelchirchen“ (Traditionen Berchtesgaden 33).

Es wurde also keine zweite Kirche gebaut, sondern das Dativ -n der Einzahl im Sinne von „bei der (!) Kirche-n“ ist im Bairischen – nicht im Standarddeutschen natürlich – auch in den 1. Fall hineingerutscht – und dort geblieben! Sogar in der Schriftsprache: „Feldkirchen“. Aber auch im Dialekt? „Fejdkirch“! Doch auch: „Fejdkira“!höa

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