Eine höchst vergnügliche Entführung nach Hohenaschau

von Redaktion

Mozarts „Entführung aus dem Serail“ überzeugt beim „Festivo“ als Taschenbuchoper

Hohenaschau – Die Zuschauer in der ausverkauften Festhalle Hohenaschau waren verblüfft: Kurzerhand verwandelte „Festivo“-Intendant Johannes Erkes sie in einen Opernchor, nämlich in den Janitscharen-Chor aus Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“. Erkes studierte den Chor mit den Zuschauern ein und dirigierte ihn dann heftig gestikulierend. „Singt dem großen Bassa Lieder!“ klang’s dann etwas schüchtern aus dem Publikum. Diese Szene war charakteristisch für die „Opern im Taschenbuchformat“, die bei „Festivo“ in Aschau seit langem Kultstatus genießen, wie Erkes bündig feststellte.

Taschenbuchformat heißt: Die Handlung wird gestrafft, Personenzahl und Orchesterbesetzung werden gekürzt, Erkes führte humorig plaudernd durch die Handlung. Diese dauerte statt zweieinhalb nur etwas über eineinhalb Stunden, von insgesamt acht Personen und vielen Choristen und Statisten blieben fünf übrig, die 21 Nummern schrumpften auf 14, aus dem großen Opernorchester mit vierzehn meist doppelt besetzten Instrumenten wurde eine Combo aus zwei Geigen, einer Bratsche und einem Cello sowie einem Akkordeon. Das genügte nicht nur, das machte alles höchst durchsichtig und ansprechend. Auch die Szenerie war ganz karg (Giulio Alviesse Caselli als „Direttore die Scena“): Vier Stühle sowie ein Seil, mit dem Osmin immer wieder seine Gefangenen symbolisch band, mussten reichen. Belmonte, der seine Konstanze aus dem Serail des Bassa Selim befreien wollte, trug einen Straßenanzug, sein Diener Pedrillo ein grünes Trachten-Gilet, Konstanze stolzierte im dunkelblau glitzernden Abendkleid, während ihre Zofe Blondchen ein elegantes Dirndlkleid samt Zofenschleifchen im Haar schmückte. Nur Osmin hatte mit seinem rotgestreiften Rock etwas Türkenähnliches an.

Johannes Erkes drehte sich immer wieder von seiner Bratsche weg und erklärte die Handlung, die Entstehung und Auswirkung dieser Oper – oder formte eben mal einen Janitscharenchor aus dem Publikum. Das fünfköpfige „Orchester“ spielte höchst animiert, energisch, gar feurig und zwischendurch schmelzend liebenswürdig. Die Zwillinge Mariko und Mamiko Miyazaki, die auch bei den Opernfestspielen auf Schloss Amerang mitspielen, bezauberten mit feinem Strich, aber auch mit brennender Energie. Das Cello (Elizabeta Crnojevic) hätte deutlicher hervortreten können, die Bratsche von Johannes Erkes diente der Klangfüllung, das große Knopfakkordeon, von Alexander Kuralionok virtuos gehandhabt, imitierte die fehlenden Bläserstimmen.

Die Hauptsache natürlich waren die Sänger: Als Belmonte gefiel Adam Sanchez mit einem glanzreichen, etwas engen und hellen Tenor mit schnellem Vibrato, das immer auf Hochtouren lief. Im Laufe des Abends sang er sich immer mehr frei, so war seine Arie „Wenn der Freude Tränen fließen“ sehr lyrisch fließend. Als Konstanze verfügte Yvonne Prentki über einen oft dramatisch erregten Koloratursopran, mit dem sie die martervollen Koloraturen ihrer „Martern-Arie“ achtbar bewältigte. Neli Heil war das frisch spielende Blondchen, freudig flatterte ihr Sopran, der die Wonne und Lust in ihrer Brust überzeugend beschrieb. Ein ganz natürliches Timbre hat der mühelos aufstrahlende Tenor von Jonas Häusler, der mit viel Spielfreude den Pedrillo gab. Absoluter Publikumsliebling war Thomas Ruf als immer polternder, aber immer düpierter Serail-Wächter Osmin, der seine Rolle als „Brillanz des Bösen“ (so sagte einst Joachim Kaiser) mit überschießender Spiellust verkörperte. Groß und raumfüllend war sein Bass, wenn’s ins Baritonale ging, in der Tiefe fehlten ihm aber die „schimmernden schönen tiefen“ Töne, von denen Mozart beim Komponieren träumte. Aber seine komödiantische Spiellust machte all dies wett.

Die Zuschauer waren immer höchst amüsiert, freuten sich über diese Taschenbuch-Oper und spendeten, von Erkes dazu ermuntert, vielfachen Zwischenapplaus: Diese „Entführung aus dem Serail“ fühlte sich an wie eine vergnügliche Entführung nach Hohenaschau. Rainer W. Janka

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