Kolbermoor – Der Begriff „pizzicato“ bezeichnet in der Musik einen gezupften Ton. Der „pizzicato“ Kulturverein Kolbermoor möchte mit seinen Veranstaltungen Farbtupfer im Kulturleben der Stadt Kolbermoor setzen. Mit dem Abschlusskonzert des diesjährigen Kultursommers in der Pfarrkirche Hl. Dreifaltigkeit ist dem Verein nicht nur ein Farbtupfer, sondern ein besonderer Glanzpunkt gelungen.
„Orgel plus Schmiedekunst“ hieß es: Dies war eine Referenz an die im August stattfindende Schmiedebiennale, war aber auch der Namensgleichheit der beiden Protagonisten des Abends geschuldet: Josef Still, Kunstschmied in Kolbermoor, und Josef Still, emeritierter Domorganist von Trier.
Ungewöhnliches sah man bereits beim Betreten der Kirche: Da waren mehrere Schmiedeskulpturen – über den Kirchenraum verteilt – zu bestaunen, zudem stand vor den Altarstufen ein Tisch mit großen Ambossen. Auf einer Videowand sah man Schmiedefeuer flackern. Schwungvoll geriet schon der Auftakt des Konzertes mit dem „Scherzo Symphonique“ des Franzosen Pierre Cochereau, Vorgänger von Olivier Latry an der Kathedrale von Notre-Dame in Paris. Organist Josef Still ließ perlende Tongirlanden schwingen und die große romantische Orgel in Hl. Dreifaltigkeit zum ersten Mal aufbrausen.
Dann wurden die Bezüge zur Schmiedekunst verdeutlicht: zunächst mit der 1690 entstandenen „Nova Cyclopeias Harmonica“ von Georg Muffat, bei der Schmiedehämmer musikalisch imitiert werden. Schnelle, wiederholte Noten und Akkorde lassen diese wie harte, metallische Schläge klingen. Danach kamen die erwähnten Ambosse zum Einsatz. Mit einem Teil aus Richard Wagners Oper „Rheingold“, in dem die schwere Bergwerksarbeit der Nibelungen im metallenen Geräusch der Ambosse musikalisch abgebildet wird. Wagner fügte darin der Palette des Orchesterklanges ein naturalistisches Element hinzu, womit er den Ausdrucksmöglichkeiten seiner Zeit weit voraus war. Ein monoton-punktierter Achtel-Rhythmus beherrschte die Szene, bevor er von der Orgel in dramatischer Steigerung fortgeführt und beendet wurde. Hier trat Kunstschmied Josef Still in Aktion, der zusammen mit Kirchenmusiker Gerhard Franke die Hämmer auf die Ambosse niedersausen ließ.
Schließlich improvisierte Josef Still an der Orgel über die Skulptur „Drei rote Rosen“ und verband damit für die Zuhörer greifbar die darstellende mit der bildenden Kunst: Hier klang die Orgel einmal zierlich-floral statt gewaltig, ebenso bei den „Musikalischen Blumen“ des Italieners Girolamo Frescobaldi.
Zur optischen Begleitung der weiteren Orgelstücke wurden schließlich durch Videoprojektion verschiedene Schmiedearbeiten von Josef Still gezeigt. Besonders beeindruckend war die Gleichzeitigkeit der schwülstig-schweren c-Moll-Akkorde von Felix Mendelssohns Zweiter Orgelsonate und der Bilder der Entstehung des Denkmales für die Ermordeten der Kolbermoorer Räterepublik.
Zur Entspannung erklang dann das Orgelstück „Le Bon Pasteur“ (Der gute Hirt) von Paul Benoit, bevor das Konzert mit dem berühmten Praeludium und Fuge über den Namen B-A-C-H von Franz Liszt seinen Abschluss fand: Hier war die Orgel noch einmal stürmisch und kraftvoll zu genießen, bis sich das Stück zu einem gewaltigen und lautstarken Höhepunkt steigerte. Ebenso stürmisch war der Applaus des zahlreich erschienen Publikums, das dieses Konzert-Experiment und seine geglückte Performance mit zwei Meistern ihres Faches begeistert bejubelte. Gerhard Franke