Grassau – Wie viele Stimmen kann eine Sängerin in sich vereinen? Die Frage könnte am ehesten Paul Ricci beantworten, er hat seine Partnerin Mafalda schließlich seit 30 Jahren bei unzähligen Bühnenauftritten und etlichen gemeinsamen Alben als Gitarrist begleitet. In der Regel waren das Auftritte in großen internationalen Hallen, darum war ihr Konzert in der Grassauer Villa Sawallisch wieder mal eine dieser typischen Überraschungen, die das Publikum dort dem Programm-Netzwerker Andreas Baumgartner zu verdanken hat.
Eine Überraschung war ihr Auftritt auch für die beiden Star-Musiker selbst, denn ein derart kompetentes und empathisch reagierendes Publikum (nur ganz knapp dreistellig) war ihnen offenbar neu und willkommen. Ankündigungen und Kommentare kamen von der Bühne auf Englisch oder auch mal Italienisch, Übersetzungshilfen aus dem Publikum, auf Wunsch oder spontan, wurden mit Freuden angenommen und so entstand rasch eine heitere, fast schon familiäre Atmosphäre. Die hatte jedoch vor allem mit dem Programm des Abends zu tun.
Eine Auflistung der Stücke gab es nicht, man wusste aber, dass es im weitesten Sinne um Latin-Jazz, Bossa Nova, Samba, Blues und Mediterranes plus viel Improvisation gehen wird – und um die einzigartige Stimme von Mafalda Minnozzi. Mit dem unsterblichen „Girl from Ipanema“ begann das Konzert, mit jenem Bossa-Nova-Klassiker, der von Brasilien über New York – Stan Getz und seine Jazz-Version für das Saxofon – die Welt eroberte, quasi ein Leitmotiv des Abends. Die beiden sollen sich musikalisch erstmals in den 90ern in Rio begegnet sein, jedenfalls ist Mafaldas erstes Album 1996 in Brasilien entstanden, in der Zeit als Paul Ricci das Comeback von Harry Belafonte auf dessen Europa-Tournee begleitete.
Überhaupt war es diese rhythmisch beschwingte musikalische Achse Brasilien-New York und ihr Echo in Europa, die den Abend prägte und einer Stimme den Rahmen gab, wie sie hier noch nie zu hören war. Als Jazzsängerin ist Mafalda Minnozzi grandios, doch ihre Stimme kann viel mehr: Chansons haucht sie so zart ins Mikro, wie sie in tiefer Lage als Rock-Röhre den Saal füllt, und wirklich verblüffend ist ihr lautmalerisches Können, das der Begriff a cappella nur am Rande streift, Beatboxing trifft es eher. Denn wenn sie einem Solo von Paul Ricci lauscht, kann sie nicht anders, als passend dazu ein paar Instrumente zu imitieren. Der lässt sich das gerne gefallen, ermuntert sie zu mehr und amüsiert sich prächtig, wenn sie eine Pfeifeinlage à la Ilse Werner startet, die vom Publikum kennerhaft aufgegriffen wird. Und das alles bringt sie mit der heiter-listigen Laune einer Komödiantin auf die Bühne, die weiß, dass sie ansteckend wirkt. An dieser Ansteckung, das sollte unbedingt gesagt werden, hatte Paul Ricci keinen geringen Anteil. Seine Arrangements der vielen Klassiker des Abends, seine Improvisationen auf der verstärkten akustischen Gitarre und seine lässig-virtuose Spielweise machen ihn zum heimlichen Leader des Duos, der seiner Mafalda und ihren vielen unglaublichen Stimmen gerne den Vortritt ließ. Apropos „viele Klassiker des Abends“: bis auf das Girl von Ipanema wurden hier weiter keine Titel genannt, denn der Rezensent hat sich, statt Notizen zu machen, von der Intensität und Leichtigkeit des Konzerts einfangen lassen. Irgendwoher bekomme ich schon meine Infos über das Programm, dachte er sich, und sei es von den Künstlern selbst. Von dort erreichte ihn keinen Tag später eine handgeschriebene Programm-Liste, improvisiert zwar, doch mit Datums-Herzchen aufgepeppt und lesbar genug zum Abdrucken. Vielleicht schimmert dabei ein wenig von der Stimmung des Abends durch, und die konnte man nur enthusiastisch nennen. Was sonst, wenn der Weg der beiden Stars von der Bühne durch den Saal zum Ausgang vor lauter stehendem Applaus, gegenseitigen Dankesworten und Händeschütteln nicht enden wollte. Klaus Bovers