Halfing – „Kein anderes Requiem stellt den Menschen so nackt vor das Gericht“, schrieb Hans von Bülow wenige Tage nach der Uraufführung von Verdis „Messa da Requiem“ 1874 – einem Klangdrama, das den Glauben prüft wie ein grelles Licht.
Denjenigen gewidmet,
die Immling geprägt haben
Beim Immling-Festival bekam dieser Satz einen unerwartet persönlichen Klang, denn die Aufführung war jenen Menschen gewidmet, deren Stimmen, Hände und Herzen Immling über Jahre geprägt haben. Entsprechend kraftvoll traf Verdis Musik, die den Menschen im Angesicht des Letzten befragt, auf eine Gemeinschaft, die erinnert.
Verdi schrieb das Requiem als musikalisches Denkmal für Alessandro Manzoni – und wer den Opernkomponisten kennt, ahnt die bildhafte Wucht dieses Werkes. Arturo Toscanini nannte es später treffend eine „Oper im Kirchengewand“. Und genau so zeigte sich dieser Abend unter Cornelia von Kerssenbrocks musikalischer Leitung: Verdis glühend dramatische Musik füllte das Festspielhaus und wurde zu einem unmittelbaren Erlebnis von Menschlichkeit und innerer Erschütterung.
Verdis Requiem ist ein Werk, das nicht bittet, sondern herausfordert, das nicht tröstet, sondern befragt. Der erste Moment ist ein flüsterndes „Requiem aeternam“, ein feiner Atem aus dem Dunkel, der mehr Unruhe als Frieden trägt und die Frage nach dem Letzten bereits in sich birgt. Aus dieser schwebenden Stille erwuchs ein Klangraum, der sich immer weiter öffnete – und in dem sich der Festivalchor Immling und Sänger des Philharmonic State Choir Tiflis in kraftvoller Geschlossenheit zeigten: klar geführt, präsent und voller Spannung, die den nächsten Ausbruch bereits ahnen ließ.
Dann brach das „Dies irae“ wie ein herabstürzender Himmel aus Klang herein – ein eruptiver, körperlich spürbarer Moment. Das Festival-Orchester Immling trug diese Wucht mit präziser, pulsierender Energie. Besonders im „Tuba mirum“, einem der exponiertesten Momente des Requiems, traten die Solisten hervor: Maria Natale (Sopran) mit strahlender Höhe, Katharina Magiera (Mezzo) mit warmem Timbre, Vasyl Solodkyy (Tenor) mit klarer Linie und Giorgi Chelidze (Bass) mit markanter Tiefe. Die Solisten ließen ihre Linien nicht nur erklingen, sondern mit spürbarer Innerlichkeit aufscheinen.
Eindringlichen
Bogen gespannt
Nach den dramatischen Ausbrüchen öffnete das „Agnus Dei“ eine Zäsur von Klarheit und Ruhe, bevor das „Libera me“ den letzten, eindringlichen Bogen spannte. „Libera me – Befreie mich“ erhob sich als dringliche Bitte des Abends. Als der Schluss verklang, donnerte es passenderweise über dem Festspielhaus. Ein heftiges Gewitter kam wie bestellt und machte Verdis dramatische Vision zur atmosphärischen Wirklichkeit. Riesenapplaus!