Rohrdorf – Ein Musik-Festival sollte nicht einfach Unterhaltung bieten, sondern Fragen in den Raum stellen. Das kann und darf auch schmerzen, denn: Kunst ist nicht Kulinarik. In diesem Sinn war das dritte „Festivo“-Konzert keine leichte Schonkost. Bei Schattdecor in Thansau hat „Festivo“-Leiter Johannes Erkes an der Bratsche mit dem Pianisten Dejan Lazic ein Programm präsentiert, das um Klage und Sterben, Tod und Verklärung kreiste.
Kurz vor dem Tod
komponiert
In der Bratschen-Sonate von Dmitri Schostakowitsch ist das sehr komplex. Der sowjetrussische Komponist hat das Werk im Krankenhaus im Sommer 1975 komponiert, kurz vor seinem Tod. Gleich zu Beginn zupft die Viola reine Quinten. Damit zitiert Schostakowitsch den Anfang des Violinkonzerts „Dem Andenken eines Engels“ von Alban Berg. Seit der Barock-Zeit steht die reine Quinte für die Ewigkeit.
Glockenmotiv aus
fallenden Quarten
Gleichzeitig zitiert Schostakowitsch im letzten Satz ausgiebig ein Glocken-Motiv aus fallenden Quarten. Dieses Intervall steht für den Tod. Er hatte dieses Motiv bereits 1922 in der frühen „Suite für zwei Klaviere“ verwendet. Im selben Jahr hatte der 16-Jährige seine „Drei fantastischen Tänze“ für Klavier vollendet, die Lazic jetzt bei „Festivo“ spielte. Lazic machte hörbar, wie sarkastisch und ironisch schon der junge Schostakowitsch sein konnte.
Ganz anders zeitgleich die „Suite für zwei Klaviere“ mit dem Glocken-Motiv: Mit ihm betrauerte der junge Schostakowitsch den Tod seines Vaters. In der Bratschen-Sonate betrauert er nun mit demselben Motiv seinen eigenen Tod. Es schließt sich ein Kreis. Ein weiteres Eigenzitat ist der Mittelsatz der Bratschen-Sonate. Er geht vollständig auf Schostakowitschs Opern-Fragment „Die Spieler“ nach Alexander Puschkin von 1941/42 zurück. Das Spiel ist aus, so die Botschaft.
Vor elf Jahren hatte Erkes dieses Werk zuletzt bei „Festivo“ gespielt. Seine jetzige Interpretation mit Lazic am Klavier war an Radikalität nicht zu überbieten. Sie haben nichts geschönt. Nirgends thronte ein hohler Schönklang. Was da im Atrium von Schattdecor erklang, das war das nackte, ausgebeinte Leben. Mit der „Elegie“ von Igor Strawinsky für Solo-Viola hat Erkes eine ähnliche Radikalität gelebt.
Mit Dämpfer ist diese Klage zu spielen, was den Klang noch zerbrechlicher macht. Die Klage Strawinskys kommt ganz ohne sentimentalen Druck auf die Tränendrüse aus. Im Spiel von Erkes wirkte diese Musik fast schon trocken und spröde, umso intensiver das Hör-Erlebnis. Das muss man freilich aushalten. Auch die Gambensonate Nr. 1 BWV 1027 von Bach fordert konzentriertes Mithören ein. Die Stimmführung ist hochkomplex, bisweilen abstrakt.
Reflexion von
Zeitlosigkeit
Im Andante ließen Erkes und Lazic eine berückend schöne Reflexion von Zeitlosigkeit erwachsen. Das passte genauso zum klugen Gesamt-Konzept wie die schöne Bearbeitung des Mittelsatzes aus dem Klavierkonzert Nr. 2 von Schostakowitsch für Bratsche und Klavier. Sie stammt von Lazic. Was wie eine Reflexion eines Chopin-Nocturne wirkt, ist tatsächlich eine wortlose Vertonung der Novelle „Der schwarze Mönch“ von Schostakowitschs Lieblingsautors Anton Tschechow.
Jenseitig
befriedende Atmosphäre
Einem schwerkranken Mann erscheint im Sterben ein schwarzer Mönch. Er führt ihn in das Totenreich. „Und sein Antlitz war in einem seligen Lächeln erstarrt“, so die letzten Worte. Diese jenseitig befriedende Atmosphäre atmet diese Musik. Nach einem derart intensiven Konzert hätte stürmischer Beifall genauso wenig gepasst wie eine Zugabe. Alles ist gesagt, ein starker Abend.