Kiefersfelden – Die Premiere des neu bearbeiteten Stücks „Ubald von Sternenburg oder: Der Rächer am Totensarg“ beginnt auf jener Drehkulissenbühne, die seit Jahrhunderten das Herz der Ritterschauspiele bildet. Das Theater, dessen Wurzeln bis 1618 reichen, ist ein Sonderfall in der bayerischen Kulturlandschaft: ein Ort, an dem ein Dorf gemeinsam Theater macht und eine Tradition weiterträgt, die anderswo längst museal geworden wäre. Das Stück geht auf Sylvester Greiderer zurück, der es 1890 wiederentdeckte und für die Kiefersfeldener Bühne einrichtete – eine Bearbeitung, die bis heute das dramaturgische Fundament bildet.
Missverständnisse,
Verrat und Gewalt
Die Handlung erzählt von Graf Ubald, der Rosa von Altenburg aus Gefahr rettet und sich in sie verliebt. Doch seine Stiefmutter Chlothilde und ihr Vetter Alfred von Hartstein spinnen Intrigen, die Ubalds Glück bedrohen. Verrat, Missverständnisse und Gewalt treiben das Stück voran, während Minnesänger Fridolin als moralische Gegenkraft wirkt. Im Burgverlies offenbart sich schließlich die Wahrheit und das Drama mündet in einem versöhnlichen Ende.
Die Inszenierung verlangte eine klare Sprache, die das Stück vor unfreiwilliger Komik schützte und gleichzeitig Spannung trug. Die Verdichtung von vier auf drei Akte erforderte ein straffes Tempo, das ein hohes Maß an Präzision aller Beteiligten forderte.
Die Premiere lebte von starken Darstellerleistungen. Ubald wird mit ernsthafter Zerrissenheit gespielt, Rosa mit stiller Stärke. Alfred zeigt Härte und verletzliche Eitelkeit, Fridolin eine feine Balance aus Melancholie und Entschlossenheit. Bemerkenswert bleibt, dass das Ensemble traditionell ohne bürgerliche Namensnennung auftritt. Eine besondere Rolle spielte Ciprian, die Kasperl Figur. Seine gereimten Lieder, sein Dialekt und seine humorvollen Kommentare öffneten das ernste Geschehen und verbanden Herrschaft und Volk – ein Markenzeichen der Kiefersfeldener Tradition.
Die Zigeunerschar sorgte für lebendige Szenen. Ihr Gesang, die choreografierten Bewegungen und die farbige Präsenz verliehen dem Stück jene volkstümliche Wärme, die die Ritterschauspiele auszeichnet. Die Szene im großen Zigeunerlager gehörte zu den stärksten Momenten des Abends.
Einen prägenden Anteil hatte die Theatermusik. Teils im Hintergrund, teils als Überleitung, teils als solistischer Gesang hielt sie das Stück zusammen und verstärkte Stimmungen. Die musikalischen Motive – vom Zigeunermarsch bis zu den Einwürfen des Minnesängers – verliehen dem Abend seine charakteristische Mischung aus Volkstheater und Ritual.
Die Spielleitung unter Wast Bleier führte das Ensemble ruhig durch Szenenwechsel und emotionale Wendungen. Besonders die Burgverlies-Szene, in der sich Camillas Herkunft offenbart, zeigte die Stärke dieser Regie: konzentriert, klar, ohne Effekthascherei.
Die Premiere endete mit einem versöhnlichen Schluss, den das Publikum spürbar erleichtert aufnahm. Wiederholter Szenenapplaus und ein warmer Schlussapplaus begleiteten den Abend.
So zeigt die Premiere der Ritterschauspiele 2026, warum dieses Theater ein kultureller Sonderfall bleibt: ein Ort gelebter Tradition, gemeinschaftlichen Handwerks und eines Volkstheaters, das seine Geschichte nicht konserviert, sondern weiterträgt.