„Von der schieren Schönheit der Musik begeistern lassen“

von Redaktion

Villa-Sawallisch-Geschäftsführer Andreas Hérm Baumgartner über das aktuelle Programm

Grassau – Seit gut zwei Jahren ist Andreas Hérm Baumgartner Vorstandsvorsitzender der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung sowie Geschäftsführer der Villa Sawallisch und der Musikakademie in Grassau. Dort auf dem grünen Hügel hat er gemeinsam mit seinem Team ein breit gefächertes Programm aufgestellt, 85 Konzerte, 65 Meisterkurse sind es insgesamt in 2026. Jedes Halbjahr wird das Programm, das von Klassik bis zur zeitgenössischen Musik, von Konzertlesungen zu Taschenoper ohne Worte, von Jazz zu Volksmusik und Flamenco reicht, neu aufgelegt. Warum und wie Baumgartner sein Publikum verwöhnen will und was ihm am meisten Freude in seinem Amt macht, verrät er im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.

Herr Baumgartner, was macht den Geist der Villa am grünen Hügel aus?

Unsere Stiftung ist ein Ort des Wachsens, des Reflektierens und des offenen Geistes. Wolfgang Sawallisch hatte viel Freude daran, junge Menschen beim Wachsen zu begleiten. Von daher sehe ich es als Verpflichtung, dieses musikalische Denken und die Art, wie er Musik für Menschen gedacht hat, weiterzugeben.

Wolfgang Sawallisch, den ich noch als junger Assistent an der Bayerischen Staatsoper erleben durfte, war in der Welt zu Hause und doch auch hier in Grassau verwurzelt. Genau dieses Denken ist auch unser Anspruch. Und deshalb heißen wir internationale junge und erfahrene Künstler aus aller Welt und allen Kontinenten willkommen, aber genauso auch aus der Region.

Seit zwei Jahren sind Sie Vorstandsvorsitzender der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung und Geschäftsführer der Villa Sawallisch. Das Konzertangebot Ihres Hauses wird gefühlt immer größer, das Publikum strömt in Scharen auf den grünen Hügel. Was ist das Geheimnis?

Unser Programm richtet sich an jeden, denn Musik ist ja grundsätzlich offen, nicht elitär. Und unser Publikum ist beseelt von einer großen Neugier auf alle Arten von Musik, und bereichernder Unmittelbarkeit. Es entwickelt eine ungeheure Lust an programmatischen Verstrebungen, geht mit all unseren Ideen mit und will herausgefordert werden. Und ja, das Publikum belohnt uns mit einer großen Treue und wird immer größer. Das ist einfach nur traumhaft und wir freuen uns auf alle neuen Ohren.

Musik kann so vieles, kann uns auf so viele Arten bereichern. In Konzerten können wir uns von der schieren Schönheit der Musik begeistern lassen, können uns aber auch scheinbar fremden Dingen hingeben, Abenteuer erleben, die wir in unserem Alltag vielleicht vermissen. Hier können wir Musik aber auch als innere Reise begreifen, denn letztlich geht es immer um uns selbst, um unsere Identität. Hier setzen wir in diesem Halbjahr auch unseren Schwerpunkt. Wer sind wir? Wie möchten wir sein?

Zwischen Form und Gefühl, in wachsenden Ringen: Ihre Ankündigungen nehmen oftmals Anleihen in der Literatur und Poesie. Woher nehmen Sie Ihre Inspirationen?

Letztlich entstehen sie aus der Beschäftigung mit der Musik selbst, aus der Kraft, die so nur der Musik und den Künsten zu eigen ist. Aber natürlich sind sie auch Ausdruck von Themen, die mich und uns in der Gesellschaft beschäftigen. Kunst muss hinterfragen, muss uns immer wieder andere Blickwinkel öffnen. Im Dialog mit den Künstlern und Ensembles schärfen wir dann die Ausgangsidee und konkretisieren sie im jeweiligen Konzertprogramm. Das Programm gibt es so nur bei uns zu hören und genau das genießt das Publikum. Nehmen Sie unser kommendes Motto „Identität“. Die programmatischen Verstrebungen von Musik und Poesie sind richtig spannend. Die der Musik innewohnende Kraft entfaltet ja ihre Wirkmächtigkeit in besonderer Weise beim Live-Erlebnis, bei dem Künstler und Zuhörer eine verschworene Verbindung eingehen und sich gemeinsam Abenteuern hingeben: klangmächtig, mit allen Sinnen, voller Intensität! Sei es mit dem zweifachen Grammy-Preisträger Antonio Rey in der Achental-Halle, mit dem Kabarettisten Michael Krebs oder dem großartigen Fauré-Quartett. Bei der Konzertlesung am 26. September von Michael Atzinger und Yume Hanusch dreht sich alles um „Genie und Wahnsinn“, und wer, wenn nicht J. S. Bach, könnte besser das Ringen mit sich und den Mächten ausdrücken? Passend hierzu hören wir am 29. August Kunst der Fuge (Markus Bellheim). Ein Highlight wird sicherlich der Beethoven-Zyklus sein, den wir in sechs Konzerten über das Jahr 2027 hinaus anbieten: Alle Beethoven-Symphonien in Klaviertrio-Fassung gekoppelt mit kammermusikalischen Werken aus der jeweiligen Entstehungszeit. Beethoven schlug selbst diesen Weg ein und bearbeitete zwei seiner Symphonien für Klaviertrio. Wir setzen diesen Weg mit neuen Fassungen der anderen sieben fort. Damit wollen wir das kammermusikalische Denken, das auch seine Symphonien prägt, verstärkt offenlegen. Ein wunderbares Interagieren. Bei der finalen 9. Symphonie im Jahr 2028 wird dann die ganze Region zusammenkommen, aber mehr will ich jetzt noch nicht verraten.

Noch ganz kurz: Was macht Ihnen die meiste Freude an Ihrem Job in der Villa Sawallisch?

Vor allen Dingen die reichhaltigen Gestaltungsmöglichkeiten und die Arbeit mit jungen Musikern. Aber auch zu erleben, wie eine Idee aufgeht. Zu vermitteln, dass jeder, ob Mitarbeiter, Künstler oder Zuhörer, ein wesentlicher Teil dieses Ortes ist. Das ist schön, das ist Belohnung. Es ist unser eigener Weg und die Künstler möchten ihn mitgehen. Frisch und mit freiem Geist. Das ist lohnende Arbeit, das ist etwas Singuläres, das hat Kraft! Elisabeth Kirchner

Artikel 4 von 4