Traunstein – Auch wenn es diesmal kein vorgegebenes Thema gibt, sind die Mitglieder des Kunstvereins Traunstein engagiert bei der Sache. Das belegt die aktuelle jurierte Offene Jahresausstellung im Kulturforum Klosterkirche. Sie ist noch bis 16. August geöffnet. Sie findet bereits zum dritten Mal unter dem Motto „Best of the last years“ statt.
Die große überregionale Resonanz zeigt sich nicht zuletzt daran, dass sich unter den 104 Teilnehmenden, die sich mit 160 Arbeiten beworben haben, 45 Gäste sind. Die fünfköpfige Jury hat daraus 81 Kunstwerke von 63 ausstellenden Kunstschaffenden ausgewählt. Sie umfassen die Bereiche Malerei, Zeichnung, Druckgrafik und Bildhauerei bis hin zu zwei Videoarbeiten, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) generiert wurden.
Wie Herbert Stahl, Vorsitzender des Kunstvereins Traunstein, bei seiner Eröffnungsrede hervorhob, vergrößerte die Bandbreite der eingereichten Werke die Herausforderung, ein stimmiges Ausstellungskonzept zu finden. Es sollte einerseits die gegenseitige Wirkung der Arbeiten aufeinander steigern, andererseits aber auch Spannungen und Brüche verdeutlichen sowie Ruhe ins Ausstellungsgeschehen bringen.
In insgesamt drei Räumen zusammen mit der Klosterkirche lässt sich bei einem Rundgang Überraschendes, Visionäres, Bodenständiges und Beeindruckendes entdecken.
Wie ein Menetekel der aktuellen europaweiten Sommerbrände zieht etwa der „Zimmervulkan“ des Kraiburgers Manfred Baumgartner die Blicke auf sich und sorgt für Diskussionen. Das Ölgemälde zeigt einen feuerspuckenden, surreal inszenierten Mini-Vulkan mit Feuerschweif und Rauchwolken in einer grünen Hügellandschaft. Fernab der zerstörerischen Gewalt natürlicher Vulkane zeigt das Bild den Feuerberg auf einem hohen Holztisch in einer Zimmerecke mit Blick ins Freie. Wird die KI uns zum Segen gereichen und bei künftigen Problemlösungen helfen oder öffnet sich mit ihr die Büchse der Pandora, die in Verderben führt?
Einige Künstler beleuchten das Phänomen von ganz unterschiedlichen Seiten. Jürgen Geers aus Tittmoning zeigt auf seinem KI-generierten Digitaldruck auf Acryl „Goodbye Chattie“ einen alten Mann, der seinen virtuellen Gesprächspartner aus gleißendem Licht liebevoll umarmt. Der 19-jährige Priener Michael Cvetkov-Rieplhuber hat in „Everyday“ tägliche Instagram-Fotos auf einem Bauzaun zu einer bildgewaltigen Fotocollage montiert. Spannend ist, wie die hochgetaktete Flut individueller Motive im unteren Drittel ausreißt und sich Muster, Motivwiederholungen und „Aussetzer“ einschleichen.
Heidi Unger aus Gstadt haucht einer anthropomorphen Skulptur in ihrem KI-generierten Film „Transformations“ Leben ein und führt sie durch immer neue Verwandlungen bis hin zu schemenhaften Schatten an der Wand. KI-Großmeister Uli Reiter wiederum nutzt den 1862 entstandenen Text „Abschweifung – über produktive Arbeit“ von Karl Marx, um einen ironisch gebrochenen Text über die Produktivität und gesellschaftliche Relevanz von Verbrechen mit stilisierten Selbstporträts als Verbrecher filmisch auf die Spitze zu treiben. Inge Kurtz taucht in ihrem Gemälde „Wunschmaschine“ ebenfalls in virtuelle Welten ein, während die 89-Jährige Ulla Sünderhauf aus Trostberg in zwei dreiteiligen Serien zeigt, wie man auch im hohen Alter virtuos mit KI und Bildbearbeitungssoftware umgehen kann.
Sehenswert sind auch das interaktive Computerspiel von Claudia Weber „Organic Brain Aid“, die fotografische Kirigami-Raumillusion von Katharina Stumm, die virtuosen Holz- und Keramikskulpturen „Rüsthaut“ von Senta Strähhuber, die formal an flache Strahlentierchen („Radiolarien“) erinnern oder Jutta Mayrs gemaltes Vexierspiel „Populismus an die Macht“. Faszinierend in Farbigkeit und Aussage ist das Ölgemälde „Kipppunkte“ von Sabine Kühner. Axel Effner