Das Immling Festival schnurrt

von Redaktion

Andrew Lloyd Webbers „Cats“ als Festivalwucht der Nachwuchstalente

Halfing/Immling – Ganz langsam steuert das Immling Festival in Halfing bei Bad Endorf seinem „Finale Grande“ entgegen – und damit dem Ende der Spielzeit. Doch vorher war noch ein Musik-theatraler Höhepunkt geboten, ein Werk, das nicht besser ins wildschöne Landschaftsidyll hätte passen können – das Kultmusical „Cats“. Längst haben sich die inzwischen opernaffinen Tiere am angeschlossenen Gnadenhof an menschliche Koloraturkunst und orchestrale Klangwellen gewöhnt. Ein braunes Huhn ist Dauergast unter den Tischen der Gäste – irgendetwas fällt immer herunter.

Große
zweibeinige Felinen

Dass zur Musicalpremiere der Akademie Immling auffallend große, sehr exotische, zweibeinige Felinen über die Piazza des Festspielhauses streifen, stört den Laufvogel genauso wenig wie das Kuhglockengeläut zum Aufführungsbeginn. In Immling ist eben alles anders. Dieses Mal aber, der überbordenden Spielfreude der jungen Nachwuchstalente und der herrlich ungezähmten Handschrift von Regisseurin und Bühnenbildnerin Verena von Kerssenbrock geschuldet, verwandelt sich dieses Anderssein in ein quirliges, farbsattes Bühnenuniversum, das vom ersten Maunz an mitriss.

Der Hitze entkommen saß ein vorfreudiges Publikum in den Reihen des klimatisierten Spielorts – die ersten Takte der Ouvertüre dann leider eher Katzenjammer als Andrew Lloyd Webber. Der Grund: Amtsanmaßung. Eines der Bühnen-Katzenwesen wagte sich mit frecher Selbstverständlichkeit ans Dirigat, wurde jedoch vom musikalischen Leiter Konstantin Schiller rasch und bestimmt in sein Revier zurückverwiesen. Dann wurde es gekonnt Webberisch – das Akademie Immling Orchester setzte vom ersten Moment auf eine katzenhaft geschmeidige Klangdramaturgie, die zwischen samtpfotiger Präzision und blitzenden musikalischen Krallen changierte. Zur Ouvertüre erwachte das Bühnenbild (Kerssenbrock) zum Leben: Vor dem Hintergrund eines verramschten urbanen Hinterhofs pirouettieren Brottüten, dann schlichen die ersten Jellicle-Katzen zwischen Müll, Mondlicht und poetischer Verwahrlosung daher.

Öhrchen anlegen und Schnurrhaare aufstellen

Öhrchen anlegen und Schnurrhaare aufstellen hieß es, als die Jellicles-Parade in Fahrt kam – das, was dann zu sehen war, konnte in vielen Bühnenmomenten locker als profihafte Musicalkunst durchgehen: Die Gumbie-Katze (Sophia Hjejle Meiners) schwang einen riesigen Staubwedel, um Ordnung ins nächtliche Hinterhofchaos zu bringen, ein rockiger Rum Tum Tugger (Benedikt Schiller) zeigte sich als störrisches Biest, Lebekater Bustopher Jones (Moritz Drechsler) trat als beleibter, schwarz-weiß gewandeter Dandy auf – und das feline Gaunerpaar Mungojerrie (Alexandra Bernhart) und Rumpleteazer (Alina Menne) mischte mit akrobatischer Diebesfreude die gesamte Jellicles-Hinterhof-Party auf. Zum Fauchen gut, wie Alt Deuteronomus (Jonathan Singer) als weiser Patriarch der Jellicle-Cats auftritt – er entscheidet, wer aus der Katzengesellschaft einmal im Jahr in den Katzenhimmel aufsteigen darf. Eine schöne Botschaft, dass ausgerechnet die ausgestoßene Grizabella laut T. S. Eliots „Old Possum’s Book of Practical Cats“ die Auserkorene ist.

Dafür, dass das Werk eigentlich keine Handlung, keine klassische Dramaturgie und nicht einmal eine Hauptfigur besitzt, passiert unheimlich viel – eine katzenhafte Charakterstudie, die sich im Kostümbild (Lilli Hartmann) auf geradezu verblüffende Weise materialisiert. Ein Fest für sich ist die hervorragende Körperarbeit (Choreografie Judith Seibert): Tanz, Akrobatik und eine präzise auf jede Figur zugeschnittene Bewegungssprache, die den Jellicles ihre individuelle Fell-Persönlichkeit verleiht.

Brüchige Würde
und leise Sehnsucht

Heimlicher Star des Abends war Magdalena Schmidmayer als Grizabella – eine Erscheinung von brüchiger Würde und leiser Sehnsucht. Als sie zu „Memory“ ansetzte, stand nicht nur Jellicle-Universum für einen Atemzug still. Auch Lukas Gahabka als Munkustrap – zugleich für die gesangliche Leitung verantwortlich – überzeugte als souveräner Erzähler und Zeremonienmeister der Jellicles – all in all, eine haarige Wucht auf unzähligen Katzenpfoten.

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