Chiemsee – Die Szene hat Filmgeschichte geschrieben. In „Der Tod auf dem Nil“ von 1978 nach Agatha Christie wird Peter Ustinov als Hercule Poirot von Angela Landsbury als alkoholsüchtige Schmierenroman-Autorin Salome Otterbourne zum Tango-Tanz aufgefordert. Sie wird später ermordet. In dieser Szene aber schwingt sie im Vollrausch und mit viel erotischer Inbrunst das Tanzbein. Das ist urkomisch, auch wenn da einige Tango-Klischees aneinandergereiht werden. Wer den echten, ursprünglichen Tango erleben will, muss einen Auftritt vom „Cuarteto SolTango“ besuchen. Bei den „InselKonzerten“ im Alten Schloss auf Herrenchiemsee hat das Quartett um den Rosenheimer Geiger Thomas Reif einen Vorgeschmack auf ihre neue CD „Ecos de Buenos Aires“ gegeben. Sie wurde in den Tagen danach in München aufgenommen und soll im kommenden Frühjahr erscheinen. Auf ihr rückt das Quartett das goldenen Zeitalter des Tango ins Zentrum. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts buhlten zahllose Tango-Orchester, auch „Orquestas Típicas“ genannt, um die Vorherrschaft. Der Tango wurde zum Massenphänomen, nicht nur in Argentinien und Südamerika. Diese Ära wurde von Persönlichkeiten wie Juan D’Arienzo, Francisco Canaro, Aníbal Troilo und Osvaldo Pugliese dominiert.
Reif und Andreas Rokseth (Bandeon) sowie Martin Klett (Klavier) und Karel Bredenhorst (Cello) spielten auch Musik von ihnen. Sonst aber gab es einige Kuriositäten. Von Edgardo Donato erklang „Qué hacés! Qué hacés!“ von 1933, und Horacio Salgán war mit „A Fuego Lento“ vertreten. Auch Mercedes Sosa durfte nicht fehlen. Mit „Alfonsina y el mar“ von 1969 erklang ein Meisterwerk der großen Liedermacherin aus Argentinien. Die Musik stammt von Ariel Ramiréz, der Text von Félix Luna. Das Lied würdigt die Dichterin Alfonsina Storni. Ihre Texte hatten die frühe Moderne in Argentinien maßgeblich geprägt. Im Oktober 1938 ertränkte sich Storni im Meer, nachdem ein Tumor diagnostiziert worden war.
Wie viele andere Künstler aus Argentinien wurde Sosa ab 1976 in der Militärdiktatur verfolgt. Bei einem legendären Konzert im Jahr 1979 wurde Sosa zusammen mit dem Publikum verhaftet. Sie konnte ein Jahr später fliehen, über Paris nach Madrid. Nach der Rückkehr Argentiniens zur Demokratie kehrte sie 1983 in ihre Heimat zurück, wo sie 2009 verstarb. In Argentinien ist der Tango insofern ein Symbol für die Freiheit, eine Stimme des Volkes: ein Kulturgut mit vielfach subversiver Kraft.
In der frühen Moderne haben das auch Komponisten aus Europa für sich genutzt. In der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill wird der Tango zum Symbol für eine gebrochene Idylle in harter Realität. Als in Russland nach dem Bürgerkrieg die Sowjetunion geboren und der Staatsterror immer bedrohlicher wurde, haben Komponisten wie Dmitri Schostakowitsch die Fratze des Bösen mit Tangos und Walzern entlarvt.
Beim „Cuarteto SolTango“ ist der Tango in allerbesten Händen: stupend die Natürlichkeit und Stilgerechtheit. Wie ein Teufelsgeiger stürzte sich Reif in den Ausdruck. Feine Melancholie schenkte Rokseth am Bandoneon, kunstvoll die Bearbeitungen von Martin Klett: So kann und muss Tango klingen! Marco Frei