Burghausen – Das Publikum ist mit Nena älter geworden. Daran gibt es wenig zu deuteln. Aber vielleicht gehört genau das inzwischen zum Reiz ihrer Konzerte: Für ein paar Stunden lässt sich das eigene Alter bei einem Nena-Konzert ziemlich erfolgreich vergessen. Wenn 2.700 Leute „Ich hab heute nichts versäumt, denn ich hab nur von dir geträumt“ mitsingen, dann sind viele plötzlich wieder dort, wo alles angefangen hat – irgendwo in den frühen 1980ern. Und Nena selbst tut einiges dafür, dass diese Illusion funktioniert.
Ein energiegeladener
Auftritt auf der Bühne
Mit 66 Jahren steht sie auf dem Waffenplatz der weltlängsten Burganlage und bewegt sich über die Bühne, als hätte jemand beschlossen, dass für Popstars andere Regeln des Älterwerdens gelten. Sie läuft, springt, tanzt, wirft die Arme in die Luft und besitzt noch immer jene etwas wilde, unangepasste Körpersprache, die schon zu ihren Markenzeichen gehörte, als „Nur geträumt“ und „99 Luftballons“ zu großen Hits wurden. Nena ist zweifellos fit. Und wenn es nur nach der zurückgelegten Strecke auf der Bühne und nach der Höhe der Sprünge ginge – ja, dann könnte man ihr an diesem Abend kaum etwas vorwerfen.
Allerdings: Ein Konzert lebt nicht allein von Bewegung. Wer früh auf den Waffenplatz gekommen war, brauchte zunächst Geduld. Ab 18 Uhr füllte sich das Gelände, zwei Vorgruppen mussten absolviert werden, ehe Nena gegen 21 Uhr schließlich auf die Bühne kam. Bei einem derartigen historischen Ambiente kann Warten durchaus seinen Reiz haben. Dennoch war die Vorfreude nach drei Stunden irgendwann ausreichend getestet.
Plötzlich gehen
die Arme nach oben
Dann aber genügten oft schon wenige Takte eines alten Liedes, um zu zeigen, warum die Menschen gekommen waren. „Leuchtturm“, „Nur geträumt“, „Wunder gescheh’n“ – plötzlich gingen die Arme nach oben, wurde mitgesungen, geklatscht und jedes Wort erkannt. Und natürlich „99 Luftballons“, ganz bewusst bis fast zum Schluss aufgehoben. Dieser Song braucht längst keine Einführung mehr. Die ersten Töne reichen und aus einem Konzertpublikum wird für einige Minuten ein riesiger Chor.
Das sind die Momente, in denen dieser Abend seine größte Kraft entwickelte. Nena besitzt einen Katalog von Liedern, die Bestandteil deutscher Popgeschichte geworden sind. Melodien, die nach vier Jahrzehnten noch immer im Kopf sitzen und offenbar nur darauf warten, wieder hervorgeholt zu werden. Man kann über die 80er vieles sagen – aber Ohrwürmer konnten sie produzieren. Nena ist da keine Ausnahme – sie ist ein Kind dieser 80er.
Schwieriger wurde es immer dann, wenn die Reise in Richtung Gegenwart führte. Auch neuere Stücke gehören selbstverständlich in das Programm einer Künstlerin, die nicht als wandelnde 80er-Jahre-Ikone durch die Republik ziehen möchte. Nur war der Unterschied kaum zu überhören. Wo eben noch lautstark mitgesungen wurde, wurde plötzlich vor allem zugehört. Der Applaus bei den neueren Liedern blieb höflich, die große Begeisterung aber häufig aus.
So entstand bisweilen der Eindruck, als seien einige der neueren Lieder vor allem die Verbindung zwischen zwei Klassikern, auf die das Publikum eigentlich wartete. Das macht diese Songs nicht automatisch schlecht. Sie müssen nur gegen einen Gegner antreten, der kaum zu schlagen ist: die Erinnerung. Gegen das Gefühl, beim ersten Ton eines Liedes wieder 17, 20 oder 25 Jahre alt zu sein.
Auch klanglich hatte der Abend Schwächen. Nenas Stimme war nie das große vokale Kraftwerk. Gerade dieser helle, mädchenhafte Gesang gehörte immer zu ihrer Besonderheit. Im Zusammenspiel mit ihrer großen Band geriet diese Stimme auf dem Waffenplatz allerdings zu häufig ins Hintertreffen. Stellenweise war Nena nur schwer zu verstehen, die Instrumente schoben sich mit zu viel Wucht nach vorne. Gerade bei den weniger bekannten Stücken wurde das zum Problem. Hier hätte eine feinere Abstimmung des Sounds der Sängerin deutlich besser getan.
Etwas mehr Nähe hätte ebenfalls nicht geschadet. Nena suchte den Kontakt zum Publikum in einem recht überschaubaren Maß, forderte – wie es alle Sänger machen, die Hits im Gepäck haben – zum Mitsingen und Mitmachen auf. Viel darüber hinaus kam jedoch nicht. Wenige Geschichten, wenig Gespräch, kaum jene kleinen persönlichen Momente, die aus einem routinierten Tourneestopp einen besonderen Konzertabend machen können. Manchmal wirkte es, als werde das Programm sehr professionell abgearbeitet – mit viel körperlichem Einsatz, aber nicht immer mit derselben emotionalen Nähe – die allerdings gehört auch nicht unbedingt zur Pflicht eines Konzerts, sie ist die Kür, aber gerade die bringt oft die entscheidenden Punkte.
Waffenplatz ist kein
idealer Konzertsaal
Dazu kommt ein Problem, für das Nena wenig kann. Der Waffenplatz der Burg zu Burghausen ist eine eindrucksvolle Kulisse, aber nicht für jeden Besucher ein idealer Konzertsaal. Wer weiter hinten stand, musste gute Augen mitbringen. Großleinwände gab es nicht, und aus entsprechender Entfernung wurde aus der berühmtesten deutschen Popsängerin der 80er irgendwann eine ziemlich kleine Figur auf einer ziemlich weit entfernten Bühne.
Und dennoch wäre es falsch, diesen Auftritt nicht ausreichend zu würdigen. Dafür gab es zu viele Momente, in denen das funktionierte, was Nena bis heute auszeichnet: diese erstaunliche Energie, diese (wenn sie ordentlich ausgesteuert wurde) unverwechselbare Stimme und vor allem ein halbes Dutzend Lieder, bei denen innerhalb von Sekunden mehrere Jahrzehnte verschwinden.
Eine Reise zurück
in die eigene Jugend
Vielleicht ist genau das inzwischen das Wesen eines Nena-Konzerts. Man kommt nicht unbedingt, um herauszufinden, wohin ihre musikalische Reise noch führen wird. Man kommt, um noch einmal dorthin zurückzukehren, wo diese Reise begonnen hat: für die Künstlerin, für ihre Musik und für ihr Publikum. Und sobald die ersten Luftballons musikalisch aufsteigen, funktioniert diese Zeitmaschine erstaunlich gut. An diesem Abend war die Vergangenheit eindeutig stärker als die Gegenwart. Das muss aber kein Schaden sein: Sie hat, es wurde bereits erwähnt, einen festen Platz in den Annalen der deutschen Popmusik und in den Ohren und Herzen des Publikums – darauf kann Nena stolz sein.