Ein Musical für alle

von Redaktion

Immling-Festival zeigt mit besonderer Vorstellung von „Cats“, wie Inklusion sein kann

Auch Hans Loy trägt Katzenöhrchen. Schließlich schaut man sich gleich „Cats“ an. Foto re

Halfing – „Super, bombastisch! Tolle Stimmung – Melodien zum Mitsummen.“ Hans Loy muss nicht lange überlegen, wenn er nach der „Cats“-Vorstellung am vergangenen Sonntag gefragt wird. Der Altbürgermeister von Prutting und Vorsitzende des Arbeitskreises Menschen mit Behinderung im Landkreis Rosenheim ist begeistert. Und seine Begeisterung ist ansteckend. Denn dieser Nachmittag im Immlinger Festspielhaus war mehr als eine Musical-Vorstellung. Hier saßen Kinder neben Erwachsenen, Menschen im Rollstuhl neben ihren Begleitpersonen. Und mittendrin: die Musik, die Geschichten, die Katzen – und ein Publikum, das sich von der ersten Minute an mitnehmen ließ.

Besondere Veranstaltung
seit fast 25 Jahren

Seit gut 25 Jahren gibt es beim Immling-Festival eine Inklusionsveranstaltung. Was heute selbstverständlich wirkt, war einmal eine Idee, die aus einer ganz persönlichen Erfahrung heraus entstand. Es begann, wie so oft in Immling, mit Pferden. Ludwig Baumann, Intendant des Festivals, ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Tiere gehörten zu seinem Leben, seine große Leidenschaft aber waren die Pferde. Als ein Bühnenunfall in der Dresdner Semperoper 1994 seine Sängerkarriere jäh beendete, zog er sich auf Gut Immling zurück – und brachte rund 80 Pferde mit.

Zuvor hatte Baumann viele Wochen in der Spezialklinik in Vogtareuth verbracht. Von dort blickte er Tag für Tag auf die angrenzende Kinderstation. Mädchen und Buben in ihren Rollstühlen waren Teil seines täglichen Blicks. Und irgendwann entstand daraus ein Gedanke, etwas für diese Kinder zu tun.

Bei Ludwig Baumann führen solche Gedanken offenbar nicht selten zu den Pferden. Gemeinsam mit Toni Meggle entstand deshalb eine Reitschule für bayerische Dressursportler mit Behinderung. Aus einer Idee wurde eine Erfolgsgeschichte. Reiter aus dem Projekt schafften den Weg zu Weltmeisterschaften und Paralympischen Spielen. Eine von ihnen gewann in Tokio sogar die Silbermedaille.

Die Geschichte der Inklusion in Immling begann also nicht auf der Bühne, sondern im Stall.

Inklusion wurde in Immling also nie nachträglich an ein Kulturprogramm angehängt, sondern gehört seit der Entstehung des Festivals von Anfang an fest zum Programm.

Dass ein solcher Nachmittag überhaupt stattfinden kann, ist allerdings mit erheblichem Aufwand verbunden. Eine Inklusionsvorstellung ist keine nette Geste am Rande. Sie ist ein logistischer Kraftakt.

Für die Vorstellung kommen Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung nach Immling. Viele von ihnen sind auf einen Rollstuhl angewiesen, manche können nur liegend transportiert werden. Damit alle die Vorstellung gemeinsam erleben können, wird das Festspielhaus eigens umgebaut. Die Bestuhlung muss weichen. Statt der normalen Sitzreihen entsteht ein großzügiger Saal mit Rollstuhlplätzen und ausreichend Raum für die jeweiligen Begleitpersonen. Wo sonst Zuschauer dicht an dicht sitzen, wird Platz geschaffen für Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen.

Was eigentlich selbstverständlich sein sollte, ist in der Veranstaltungslandschaft noch immer eine Besonderheit. Es gibt nur wenige Orte, die eine solche Veranstaltung überhaupt ermöglichen können. In Immling funktioniert es seit einem Vierteljahrhundert.

Möglich ist das auch dank Menschen und Institutionen, die dabei meist nicht im Rampenlicht stehen. Eine wichtige Unterstützung kommt von der Jacob-und Marie-Rothenfußer-Gedächtnisstiftung. Erich Rothenfußer gründete sie 1982 zum Andenken an seine Eltern, um Menschen mit Behinderung zu unterstützen. Auch die Maria-Bergmann-Stiftung Rosenheim und die Behindertenstiftung des Landkreises Rosenheim tragen dazu bei, dass die Inklusionsveranstaltung stattfinden kann. Es sind stille Unterstützer im Hintergrund. Aber ohne sie würde dieser besondere Nachmittag nicht stattfinden.

„Immling ist einmalig“, sagt Hans Loy. „Für viele sind die Veranstaltungen das Highlight des Jahres. Sowas gibt es sonst in ganz Oberbayern nicht.“ Dass er damit nicht übertreibt, zeigt der Blick ins Publikum. Kinder und Jugendliche sind begeistert, genauso wie Erwachsene und Senioren. Eine 92-jährige Besucherin ist sogar extra aus München angereist.

Das gemeinsame Erleben
steht im Mittelpunkt

Am Ende spielt es keine Rolle, wer im Rollstuhl sitzt, wer Hilfe benötigt oder wer seine Begleitperson dabeihat. Für diesen Nachmittag sind alle vor allem eines: Zuschauer, die gemeinsam ein Theatererlebnis genießen. Es ist Inklusion in seiner vielleicht schönsten Form von Inklusion: Nicht die Frage, wer besondere Unterstützung braucht, steht im Mittelpunkt, sondern die gemeinsame Freude, die alle miteinander teilen.

Und so klingt Cats in Immling noch lange nach: in den Köpfen, in den Melodien, die man auf dem Heimweg vielleicht leise vor sich hin summt – und in einem Nachmittag, an dem Inklusion nicht erklärt werden musste. Sie war einfach da. Für alle.

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