Aschau – Dieses Werk ist ein Himalaya-Gipfel, überragt und überschattet alles. Mit seinem Streichquintett von 1828 hat Franz Schubert ein absolutes Meisterwerk geschaffen. Das Quintett ist entstanden, als Schubert gerade einmal 31 Jahre alt war: zwei Monate vor seinem Tod. Alles ist hier gesagt, das ganze Leben im Brennglas. Keine Note ist zu viel, alles vollendet in Form und Gehalt.
Bei einer Interpretation live im Konzert lauern einige Tücken. Allein im Umfang erreicht das Streichquintett symphonische Dimensionen, geradezu unerschöpflich die Ereignisdichte. In Windeseile wechseln Charakter und Ausdruck.
Ein Klangwunder
im Preysingsaal
Bei „Festivo“ war nun ein echtes Wunder zu erleben. Im Preysingsaal von Schloss Hohenaschau wurde das Streichquintett in einer Qualität ausgestaltet, als ob es sich um eine Studio-Aufnahme handelte. Man traute seinen Ohren nicht. Was da Irene Abrigo und Edouard Mätzener (Violinen), der Bratschist Jürg Dähler sowie die Cellisten Sebastian Braun und Patrick Demenga in diesem kolossalen Werk verlebendigten, das war kammermusikalische Spielkultur vom Feinsten. Sie schafften es, den Klang glasklar, entschlackt und schwerelos schweben zu lassen, um ihn gleichzeitig sonor zu erden. Dieser Wechsel zwischen Jenseitigkeit und Diesseitigkeit macht den besonderen Zauber dieses Werks aus. Da wurde der berühmte zweite Satz eine weltentrückte Ode an die Zeitlosigkeit und Ewigkeit.
In den letzten beiden Sätzen ließen die fünf Musiker grell die Fratze des irdischen Lebens grinsen, und immer wieder wurden stille, hochpoetische Momente geschenkt. Diese Interpretation von Schuberts Streichquintett zählt zu den Sternstunden der „Festivo“-Geschichte. Sie war zugleich Höhepunkt eines klugen Programms, das das dunkle, nächtliche Kolorit in den Fokus rückte. Das Motto des Abends „Musica notturna“ verwies auf das 1780 entstandene Streichquintett op. 30 Nr. 6 „La musica notturna delle strade di Madrid“ von Luigi Boccherini. Die „Musik auf den nächtlichen Straßen von Madrid“ wird eingefangen: vom „Ave Maria“ bis zur Aufforderung, sich zum Schlafen nach Hause zu begeben. Auf Boccherini geht die Quintett-Besetzung mit zwei Celli und einer Bratsche zurück. Hier strich „Festivo“-Leiter Johannes Erkes die Viola. Das fast schon performative Profil dieser Programm-Musik wurde im Preysingsaal wirkungsvoll aufgegriffen. Da murmelte Abrigo beim Rosenkranz gleich zu Beginn das „Ave Maria“, während sie aus der Ferne die Geige strich und immer näher zur Bühne schritt. In seinem Streichquintett greift Schubert die Boccherini-Besetzung mit zwei Celli auf, um ein ähnlich abgedunkeltes Kolorit zu erschaffen.
Einen ganz anderen Weg geht wiederum Wolfgang Amadeus Mozart. Sein Hornquintett KV 407 besetzt Mozart mit nur einer Violine und zwei Bratschen.
Wunderbar sonor
und lyrisch
Umso nuancenreicher werden die tieferen, dunkleren Register ausschattiert. Im Mittelsatz wird diese Klanglichkeit besonders ausgekostet, wunderbar sonor und lyrisch der Hornklang von Danilo Marchello. Die Akustik im Preysingsaal ist tückisch für Kammermusik mit Bläsern, aber: In den hinteren Sitzreihen war die Balance zwischen den Streichern und dem Horn gegeben. Bei diesem ersten „Festivo“-Abend im Preysingsaal war eigentlich Francesco Sica für die zweite Geige vorgesehen und nicht Mätzener. Der Ätna-Ausbruch auf Sizilien ließ jedoch Sica in Catania stranden. Er trudelte erst am späten Abend im Chiemgau ein. Mätzener war aber mehr als nur ein Einspringer: In Schuberts Streichquintett hat der Schweizer, bekannt vom Merel-Quartett, den Ensemble-Klang hellhörig bereichert.