Stephanskirchen – Die recht zahlreichen Zuhörer im Antretter-Saal sparten nicht mit Beifall und Jubel: Die fünf Absolventen der „Masterclass“ des in Neubeuern wohnenden Kammersängers Oskar Hillebrandt gaben im Abschlusskonzert ihr Bestes, diesmal neben Opernarien auch Kunstlieder. Nicht nur die Sänger verdienten Applaus: Am Flügel begleitete unermüdlich Paolo Trojan, der sonst an der Mailänder Scala arbeitet, sehr einfühlsam bei den Liedern und anfeuernd bei den Arien.
Die Lieder gefielen den Zuhörern außerordentlich, die Spannung beim Hören war fast greifbar. Markus Herzog, der aus Schloßberg stammende Tenor, setzte das um, was Hillebrandt lehrt: klangvolle Formung der Konsonanten und damit reine Aussprache der Vokale. Er nutzte die Konsonanten geradezu als Sprungbrett für die wohllautenden Vokale, seine vorzügliche Diktion ließ jedes Wort verstehen, sowohl in „Die Nacht“ und „Morgen“ von Richard Strauss als auch in „Verschwiegene Liebe“ von Hugo Wolf. Seinen kraftvollen Tenor konnte er herabdimmen zu einem feinsinnigen und besinnlichen gut atemgestützten Piano.
Lukas Kunze sang aus der „Winterreise“ von Franz Schubert den „Wegweiser“ und den „Lindenbaum“: mit kontrolliertem Vibrato, beeindruckender Ausdrucksstärke, textlicher Durchdringung, die auch die Kommata hören ließ, und mit großer Bühnenpräsenz samt gestischer Verbindung mit dem Publikum. Ein leichter Trauerflor in seinem tiefen Bass verwies auf das einsam-traurige Ende dieses Liederzyklus.
Kayo Hashimoto verkündete mit strahlendem Gesicht: „Die linden Lüfte sind erwacht“ in der Vertonung durch Franz Schubert und stürzte sich dann hemmungslos und liebessehnsuchts-ekstatisch in das Geschick des armen Gretchens, das von Faust verlassen ist: „Meine Ruh ist hin“, ebenfalls von Schubert. Shoko Fukuda, die extra aus Japan angereist kam, wählte zwei italienische Lieder, die sie mit durchdringendem, etwas schneidend scharfem und meist konsonantenlosem Sopran darbot.
Konsonanten in Hülle und Fülle gab’s dafür bei Michael Doumas in zwei Liedern aus „Des Knaben Wunderhorn“ von Gustav Mahler. In „Des Antonius von Padua Fischpredigt“ predigt der Heilige erfolglos den Fischen. Mit ausgezeichneter Diktion, lebhaftem Mienenspiel und schelmischem Humor sang Doumas, wie Karpfen, Hechte und Stockfische den Predigtworten lauschen – und alles gleich wieder vergessen. In dem Lied „Lob des hohen Verstandes“ soll ein Esel darüber urteilen, wer besser singt, Kuckuck oder Nachtigall. Das fast schreiende „Iah“ des urteilenden Esels, der eine Karikatur der Musikkritiker sein soll, servierte Michael Doumas genüsslich ins Publikum hinein.
All dies waren Geschichten im Miniformat. Meist tragische Geschichten im Großformat erzählen Opern. Hier konnte sich der Sopran von Shoko Fukuda im lang gezogenen und leidenschaftsdurchglühten melodischen Duktus einer Opern-Arie besser entfalten, so in der Arie der Nedda aus dem „Bajazzo“ von Ruggiero Leoncavallo. Markus Herzog zeigte mit mühelos aufstrahlendem Tenor, wie tragisch trauernd Lenski sein Leben entschwinden sieht: „Wohin, wohin seid ihr entschwunden“ aus „Eugen Onegin“ von Peter Tschaikowski. Mit düster glänzender Bassgewalt gestaltet Lukas Kunze seine Arie des Banco aus Verdis „Macbeth“, mit dramatischer Kraft die Arie des Silva aus Verdis „Ernani“. Edel strömte die Bassstimme von Michael Doumas in der Arie des Fiesco aus Verdis „Simon Boccanegra“.
In der anmutigen und koloraturenübersäten Arie der Eboli („Nel giardin del bello saracin“) aus Verdis „Don Carlo“ ließ Kayo Hashimoto ihr Zwerchfell heiter hüpfen und wechselte ständig zwischen glitzernder Höhe und kehliger Tiefe, womit sie großen Jubel im Publikum erntete. „Cielo e mar“, also Himmel und Meer, heißt eine der schönsten Tenor-Arien aus „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli, eine schwärmerische Arie, die Abend-Landschaft und Liebe besingt. Schwärmerisch und lyrik-selig sang Markus Herzog sie auch mit einem kunstvollen Ende: einem anschwellenden Piano auf dem hohen „g“.
Vergnüglich endete dieses Lieder- und Arien-Konzert mit einer Arie aus „Die Kluge“ von Carl Orff: „Ach, hätt‘ ich meiner Tochter nur geglaubt“ wehklagt der (in der Oper) im Kerker sitzende Michael Doumas mit herzhaft-humorigem rhythmisch geprägtem Gesang.
Oskar Hillebrandt gab noch eine französische Opernarie zum Besten und zeigte, wie man mit erlesener Gesangskunst auch noch mit über 80 Jahren ausgezeichnet singen kann, bevor alle zusammen ausgelassen zu „Tanzen möcht‘ ich“ aus der „Csárdásfürstin“ von Emmerich Kalman schunkelten. RAINER W. JANKA