„Auf der Alm, da wagst a kuglats Gras…“

von Redaktion

Aus der Volksmusikpflege Über die Einführung der neuen Dreistimmigkeit bei den oberbayerischen Sängergruppen

Als am 26. Dezember 1949 das Fanderl-Trio das Lied vom „Kuglatn Gras“ für eine Aufnahme im Bayerischen Rundfunk gesungen hat, folgten die drei Sänger Leo Döllerer, Bertl Witter und Wastl Fanderl einer grundlegenden Neuerung im Singen der Volksliedgruppen in Oberbayern, die der Kiem Pauli ab 1932 angeregt hatte: Bis dahin erklangen die überlieferten Volkslieder vor allem zweistimmig in den Häusern, auf der Hausbank, beim Hoagart oder der Arbeit, an den Stammtischen in den Wirtshäusern beim Gesellschaftstag und zu anderen Gelegenheiten.

Kiem Pauli hatte 1931 das Liederbüchl „Niederösterreichische Volkslieder und Jodler aus dem Schneeberggebiet, gesammelt von Karl Kronfuß und Alexander und Felix Pöschl“ (Leipzig, Wien 1930) in die Hände bekommen. Die drei Volksliedsänger und Aufzeichner aus dem Wiener Volksgesangsverein hatten versucht, die sehr variable und lebendige lokale Dreistimmigkeit zu fixieren, auf die in der von Dr. Josef Pommer (1845 von 1918) herausgegebenen neuen programmatischen Zeitschrift „Das deutsche Volkslied“ (Wien ab 1899) schon in den ersten Jahrgängen hingewiesen wurde. Kiem Pauli (1882 von 1960) hatte die Zeitschrift abonniert und auch Wastl Fanderl und Annette Thoma dafür interessiert. Auf der Basis dieses Liederheftes hat er ab 1932 für die oberbayerischen Volksgesangsgruppen diese in Oberbayern völlig neue Singweise propagiert, die bis heute weiterlebt. Die in Oberbayern neu eingeführte Dreistimmigkeit unterscheidet sich aber grundlegend vom lebendigen Singen in den Schneebergdörfern.

Besonders interessant ist somit der Vergleich der neuen Interpretationen der „Schneeberglieder“ und Jodler durch oberbayerische Gruppen, die wir 1994 im „Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern“ für eine Reise mit Sängern und Musikanten in das Schneeberggebiet südlich von Wien beispielhaft mit frühen Rundfunkaufnahmen des BR angestellt haben, beispielsweise mit Übertragungen vom Fanderl-Trio (1949), den Riederinger Sängern (1952), dem Waakirchner Viergesang (1963), den Aschauer Sängerinnen (1968), den Geschwistern Röpfl (1961), den Wegscheider Dirndln (1964), der Gesangsgruppe „Falkenstoana“, Inzell (1957), dem Weilheimer Viergsang (1955), den Fischbachauer Sängerinnen (1965), den Roaner Sängerinnen (1976), den Pienzenauer Sängern (1966) und anderen.

Begonnen hatte diese zusätzliche neue Singform für Volksliedgruppen in der engen „alpenländischen“ Dreistimmigkeit auf Anregung von Kiem Pauli vor allem auch mit Sängern und Gruppen aus der Region Rosenheim – wobei bis heute die natürliche überlieferte Zweistimmigkeit im geselligen Volksgesang ohne Unterbrechung weiterlebt. Nur das dreistimmige Vorsingen von Volksliedern und die neue Liedauswahl begann 1932: So bildeten drei Frauen in Aschau/Chiemgau unter Leitung von Maria Göser den ersten Dreigesang der „Aschauer Sängerinnen“, die mit Liedern aus passenden österreichischen Sammlungen und dann auch eigenen Liedern ab Mitte der 1930er-Jahre schon im Reichssender München und teils auch in Rundfunkübertragungen in ganz Deutschland zu hören waren.

Aus den singfreudigen jungen Männern in Riedering bildeten sich zur gleichen Zeit unter Anleitung von Annette Thoma (1886 bis 1974) die „Riederinger Sänger“, die weitum bei Heimatabenden durch ihre dreistimmige Interpretation (mit zusätzlichem Bass) von Volksliedern wie „Bei da Lindn bin i gsessn“ bekannt wurden. Annette Thoma schrieb für „ihre“ Riederinger die dreistimmige „Deutsche Bauernmesse“, die am Peter- und Paulstag 1933 zu Ehren vom Kiem Pauli erstmals erklang. Pfarrer Bergmeier holte diese Messgestaltung dann umgehend nach Großkarolinenfeld, wo sie großes Aufsehen erregte.

Elisabeth Müller vom Samerberg war auf der ersten „privaten Volkslied-Singwoche“, die der gut 20-jährige Wastl Fanderl in seinem Heimatort Bergen zum Jahreswechsel 1936/1937 veranstaltete. Dort schon haben die Teilnehmer die erlernten Lieder wie etwa „Der Wind waht“ dreistimmig handschriftlich in die eigenen Liederhefte eingetragen. Auch bei den Singgelegenheiten der Landwirtschaftsschülerinnen mit Fanderl in Rosenheim oder Bad Aibling wurde in der neuen Dreistimmigkeit gesungen. Fanderl hatte dafür eigens passende Gesänge zusammengestellt, die er 1943 in seinem Liederbüchl „Hirankl Horankl“ abdruckte.

Die neue dreistimmige Singform erregte in der jungen oberbayerischen Volksliedpflege große Aufmerksamkeit. Dadurch kamen auch „singerische“ Menschen zum Volksliedersingen, die vorher andere Vorlieben hatten. Ein Beispiel war der Gottner Schorsch von Heufeld mit seinen Sangeskameraden aus dem Mangfalltal.

Die Kreisvolksmusikpflege Rosenheim dokumentiert derzeit die Volksliedgruppen, die in den 1930er-Jahren und nach 1945 diese neue „alpenländische Dreistimmigkeit“ pflegten, die bis heute ein Teil der Volksliedpflege ist.

Bitte melden Sie sich, wenn Sie dazu Erinnerungen, Fotos, Liederhefte und anderes haben bei Ernst Schusser, Friedrich-Jahn-Straße 3, 83052 Bruckmühl, Telefon 08062/8078307, E-Mail ernst schusser@
heimatpfleger.bayern.

Ernst Schusser

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