Kaleidoskop musikalischer Stimmungen

von Redaktion

„Einsamkeit“ nach Schubert und Mayrhofer – Mischung von Musik, Tanztheater und Poesie

Herrenchiemsee – Ein so mitreißendes Tanztheater in einer Mischung aus verschiedenen Kunstformen wie Musik, Tanz, Klavier, Gesang und Poesie dürften die ehrwürdigen Räume im Bibliothekssaal des Augustiner-Chorherrenstiftes im alten Schloss auf der Herreninsel noch nie gesehen haben. Das Publikum im restlos ausverkauften Saal auch nicht. Die neue deutsch-japanische künstlerische Leiterin der Inselkonzerte, Mona Asuka, versprach zu Anfang ihrer Tätigkeit, neue Akzente zu setzen – und das gelang bei diesem Konzert auf fulminante Weise.

Neu choreografierte
Aufführung

In dem relativ kleinen Saal, in dem aus Brandschutzgründen, höchstens 100 Besucher Platz finden dürfen, fand eine erst in diesem Jahr neu choreografierte Aufführung des interdisziplinären Bühnenwerks „Einsamkeit – nach Schubert und Mayrhofer“ statt.

Die einstündige Darbietung fußt auf dem Lied von Franz Schubert „Einsamkeit“ mit dem Text seines engen Freundes Johann Baptist Mayrhofer. In zwölf wort- und bilderreichen Strophen geht es um den Weg eines Jünglings, der im Kloster keinen Frieden findet, ins Leben tritt und in der Welt Geselligkeit, Liebe, Glück und Ruhm im Krieg sucht. Erst als Greis erlebt er in der Einsamkeit die späte Erfüllung seiner Sehnsucht in der Natur.

Diese Komposition ist kein Lied, sondern ein Kaleidoskop musikalischer Stimmungen, aneinandergereihter Affektbilder, die nur durch eine literarisch-didaktische Idee miteinander verbunden sind. In einem Brief an Freunde schrieb Schubert: „So ist’s mein Bestes, was ich gemacht habe“.

Die Aufführung mit durchweg fantastischen Künstlern erwies sich als sinnlicher Dialog zwischen Körper, Stimme und Klang, Vergangenheit und Gegenwart. Alle Darsteller, schwarz gekleidet, verkörperten die vielfältigen Facetten der Einsamkeit. Besonders die Tänzer – der bahamaisch-amerikanische Ballettänzer, Choreograf und Cellist Nicholas Isaiah King Rose und die brasilianische Tänzerin Leslie Heylmann, faszinierten die Besucher, unterstützt von den Klängen des Klaviers, auf dem Daniel Arkadij Gerzenberg nicht nur Schuberts „Einsamkeit“ spielte, sondern durch weitere Lieder und Spontan-Kompositionen intuitiv ergänzte. Teils rezitierte er eigene Lyrik und teils improvisierte er dazu die Musik am Klavier. Gewaltig im Klang oder einfühlsam zart war dazwischen immer wieder der Gesang des Ausnahmetenors Julian Prégardien zu hören.

Dabei gab es keine klare Abgrenzung zwischen den künstlerischen Ausdrucksarten: Körper verschmolzen ineinander, alle vier sangen oder summten einzelne Ausdrücke wie einsam, gemeinsam, Freundschaft, Einigkeit, Zweisamkeit… oftmals in verschiedenen Sprachen. Die gemeinsame Wahrheit durch alle Kulturen hindurch in Kunst und Musik wurde beschworen.

Identität, Erinnerung,
Sehnsüchte und Traumata

Besonders die Tänzer verlangten den Zuschauern einiges ab, denn die Marmorsäulen im Bibliothekssaal verhinderten wohl auf allen Plätzen einen steten Blick auf das Geschehen, besonders, wenn sich die Darsteller am Boden umeinander oder um die Säulen wanden. Geschlechter, Identität, Erinnerung, Sehnsüchte und Traumata schienen bei vielen Teilen der Aufführung miteinander zu verschmelzen. Die Künstler – alle erfüllt von großer Spielfreude – waren hervorragend aufeinander eingestimmt.

Nach dem letzten Klang brach der Beifall nicht sofort los. Aus manchen Mienen schien zu lesen sein: Was hätten wohl die ehrwürdigen Augustiner Chorherren dazu gesagt? Hätte sich Franz Schubert gefreut? Wir werden es nie wissen. Dann aber steigerte sich der Beifall und es gab stehende Ovationen für die Künstler.

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