Bad Aibling – „Zeitgenossen – Zeit genossen“ lautet der optimistische Titel der aktuellen Ausstellung im Alten Feuerwehrgerätehaus in Bad Aibling. Von gemeinsamem Tun, von Familienleben und zugleich von künstlerischem Schaffen zeugt die Ausstellung von Uta Eckerlin und Cornelia Schlemmer. Mit 40 Exponaten ist der große Ausstellungsraum optimal gestaltet. Bereits seit Jahrzehnten sind Eckerlin und Schlemmer befreundet, und ihre Ausbildung lief streckenweise parallel. Beide sind sie in Ostdeutschland aufgewachsen, leben heute in Berlin.
In altmeisterlicher
Technik gemalt
Uta Eckerlin ist die Bildhauerin, die mit keramischen Objekten verschiedener Größen überrascht, Cornelia Schlemmer die Malerin. Ein großes Bild von Schlemmer – eine Puppe im Gewirr von Linien kopfüber wie im Sturzflug – trägt den Titel „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazustehen und vor sich hinzuschauen“. Bei diesem Zitat handelt es sich um Worte der schwedischen Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, die sie Pippi Langstrumpf in den Mund gelegt hat. Das Bild gibt Einblick in die Gedankenwelt der Künstlerinnen, denn da stehen und sich besinnen, das fordern die Werke beider.
So hat Cornelia Schlemmer Bilder von Reisen gestaltet, Märkte mit Händlern aus aller Welt. Das Gemälde eines vietnamesische Händlers fällt ins Auge: große Körbe mit Früchten, ein kleiner Herd mit Pfännchen darauf, der Blick des Händlers auf die Waage konzentriert. Die Reisebilder sind alle in der altmeisterlichen Technik des Eitempera gemalt. Farbpigmente werden mit Eigelb und Ölen gemischt und erzeugen eine matte, dauerhafte Oberfläche. Cornelia Schlemmers Puppenbilder hingegen, in deren Mittelpunkt eine malträtierte Puppe steht – sie hat ein Loch im Hinterkopf – wurden mit Acryl auf Leinwand gestaltet. Diese Puppe stammt bereits aus der Elterngeneration der Geschwister und übt, obwohl nicht geliebt, eine große Faszination auf Cornelia und ihre Schwester aus. Sie verbindet, vielleicht wegen ihrer Beschädigung, die hellen Momente der Kindheit auch mit Angst und Verletzbarkeit. So gelingt es Cornelia Schlemmer, auf subtile Weise ebenso das Unangenehme in ihre Erinnerungen einzubinden, wohl wissend, dass es wichtig ist, die eigenen Wurzeln zu akzeptieren. Die Puppe taucht in weiteren Bildern auf, immer in malerischen Gesamtkompositionen eingefangen. Aber es gibt auch kleine, informelle Bilder der Malerin mit raffiniert gestalteter Oberfläche.
Ebenso arbeitet die Bildhauerin Uta Eckerlin mit mehreren Themen. Gleich eingangs trifft der Besucher auf ein großes keramisches Gefäß mit dem Titel „Gottfingerberührt“. Das Gefäß, 89 Zentimeter hoch, im unteren Bereich noch farbig lasiert, wird im oberen Bereich immer dunkler und endet in schwarzen einzelnen Rippen. Es assoziiert die Räuchergefäße, in denen Weihrauch entzündet wird, denn auch der Titel weist auf den religiösen Zusammenhang. Es gibt noch mehrere große Skulpturen, bei denen sich der Betrachter fragt, wie diese handwerklich bewältigt werden konnten.
Bei allen Arbeiten handelt es sich um Schwarzbrand, der im offenen Feuer gebrannt wird. Die Künstlerin nimmt die Objekte anschließend mithilfe von Zangen aus dem Ofen. Mehrmals gibt es Figurengruppen von knapp 40 Zentimeter Höhe, immer drei, immer leicht gekrümmt, der vordere mit erhobenen Kopf, als ob er nach etwas Ausschau hielte, wachsam für sich selbst und für die anderen. Und dann gibt es noch eine beeindruckende flache Schale, Terrakotta, Schwarzbrand, Blattgold, von 54 Zentimetern Durchmesser. Sie produziert sich in mattem Rot, trägt dazu das Muster eines Maschendrahtzauns, der in der Mitte in einer Blütenform endet. „Verflechtungen“ ist der Titel des Werkes, und fasst zusammen, was diese Ausstellung zum Ausdruck bringen will. Beide Künstlerinnen lassen in ihren Arbeiten das Nichtsichtbare sichtbar werden – Emotionen, die letztlich alles zusammenhalten.
Geschichten zu
Ende erzählt
„Familiäre Verflechtungen“ ist auch der Titel des Buches, aus dem die Malerin Cornelia Schlemmer zur Finissage am Samstag, den 12. September um 16 Uhr vorlesen wird. Ihre in England lebende Schwester hat zu den Bildern von Cornelia die Geschichten zu Ende erzählt, die in den gemalten Werken nur angedeutet sind.
Kunstverein Bad Aibling, Galerie im Alten Feuerwehrgerätehaus, Irlachstraße 5, Bad Aibling, Öffnungszeiten Samstag und Sonntag, 14 bis 18 Uhr, kontakt@kunstverein-bad-aibling.de.