Ein Meisterwerk für die Glyptothek

von Redaktion

Chiemgauer Bildhauer Johann Brunner schafft Skulptur für Münchner Museum

Surberg/München – Zuletzt war Millimeterarbeit gefragt, um den vier Tonnen schweren Koloss an seinem Bestimmungsort einzupassen: Mit der überlebensgroßen Marmorskulptur des klassizistischen Bildhauers Pietro Tenerani (1798 bis 1869) ist seit Mitte August die letzte Lücke an der Außenfassade der Münchner Glyptothek geschlossen. Geschaffen hat sie der Bildhauer Johann Brunner aus Surberg. Er hat mit seinen einfühlsamen Porträtbüsten von Edith Stein und Max Planck für die Walhalla bei Regensburg bereits eindrucksvolle Beispiele für seinen virtuosen Umgang mit Marmor vorgelegt. Mit der Skulptur des Tenerani für die Glyptothek hat er sein bisheriges Schaffen jetzt gekrönt. Die Messlatte dafür lag sehr hoch.

Kunst aus
1.000 Jahren

Münchens ältestes Museum zählt mit seiner Skulpturensammlung von Weltrang zu den international führenden Museen für antike Kunst. Das zwischen 1816 und 1830 von Leo von Klenze errichtete Gebäude am Königsplatz, dessen Fassade an einen griechischen Tempel erinnert, beherbergt Meisterwerke aus mehr als einem Jahrtausend antiker Bildhauerkunst: Der zeitliche Bogen spannt sich von der archaischen Zeit in Griechenland bis zur römischen Kaiserzeit und Spätantike, also vom 6. Jahrhundert vor bis zum 5. Jahrhundert nach Christus.

Die Glyptothek war seinerzeit ein zentraler Baustein, mit dem der bayerische König Ludwig I. seine Vision von einem „Isar-Athen“ Realität werden ließ: Angelehnt an das Vorbild der griechischen Antike sollte sie München durch neue Museumsbauten und städtebauliche Maßnahmen zu einer führenden europäischen Metropole der Kunst und Bildung aufsteigen lassen.

Dass der Musentempel als Gesamtkunstwerk des Klassizismus bereits zur Entstehungszeit höchsten Ansprüchen zu genügen hatte, lässt sich bereits an den Schaufassaden der Außenseite ablesen: In den klassischen Nischeneinfassungen sind insgesamt 18 Figuren der Mythologie sowie Förderer der Bildhauerkunst und Meister aus der Antike, der Renaissance und des Klassizismus versammelt.

Schlusspunkt
der Sanierung

Nach schweren Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau ab 1967 erstrahlte die Glyptothek erst nach einer millionenschweren dreijährigen Sanierung bis 2021 wieder in altem Glanz. Den Schlusspunkt setzte jetzt die Neubesetzung der letzten noch unbesetzten Ädikula an der Ostfassade mit dem Bildnis des italienischen Bildhauers Pietro Tenerani. Als Schüler von Antonio Canova und Meisterschüler von Bertel Thorvaldsen gehörte der international geachtete Bildhauer zu den führenden Vertretern des Klassizismus. Als solcher war er auch an der Erschaffung des Grabmals von Eugène de Beauharnais, Herzog von Leuchtenberg, in der Münchner Michaelskirche beteiligt.

Für seine Marmorskulptur stellte Johann Brunner umfassende Recherchen und Vorarbeiten zu dem Porträtierten und dessen Figurendisposition an. Nach den Zerstörungen im Krieg verwiesen nurmehr „ein trübes Foto, Kopfreste und ein Holzschnitt“ auf die Vorgängerskulptur an der Glyptothek, wie der 67-Jährige erzählt.

Mit einem Gipsmodell im Maßstab 1:6 und einer Arbeitsprobe in Marmor, die eine Hand mit Hammer und Meißel in Originalgröße zeigt, gewann Brunner zunächst die Ausschreibung der Glyptothek.

Seine bislang erste Marmorarbeit in Überlebensgröße (263 x 113 x 77 Zentimeter) stellte den Chiemgauer Bildhauer vor besondere Herausforderungen. Die Skulptur zeigt Tenerani mit klassischem Profil in eine faltenreiche Toga gehüllt, wobei er sich mit dem rechten Arm und den Insignien des Bildhauers in der Hand auf einer antiken Herme abstützt. Dabei blickt er konzentriert auf eine fragmentierte Büste in der linken Hand. Seinen besonderen Reiz entwickelt die Figur aus der Leichtigkeit des Faltenwurfs sowie dem lebendigen Wechselspiel zwischen glattpolierten und geriffelten Steinflächen, die den Arbeitsprozess erkennen lassen.

Vom Gipsmodell hat Brunner die genauen Abmessungen mit dem klassischen Punktierverfahren aufwendig auf den Block aus Laaser Marmor übertragen – wie seine Vorgänger vor 200 Jahren. Dass ergänzend zum Meißel auch Bohrer und Fräsmaschine zum Einsatz kamen, hat die schweißtreibende Arbeit vereinfacht, aber nicht weniger anspruchsvoll gemacht. Rund elf Monate reine Arbeitszeit dauerte es vom Marmorblock bis zu den letzten Feinarbeiten und der Abnahme durch Experten.

Eigens Schuppen
als Regenschutz gebaut

Brunner erzählt, dass er eigens einen Schuppen als Regenschutz für die schweiß- und staubreichen Arbeiten errichtet hat. Ergänzend waren auch Vorarbeiten für zwei Porträtbüsten des Nobelpreisträgers Klaus Hasselmann und des bayerischen Ministers Reinhold Bocklet zu erledigen.

Mit großem Stolz blickte Brunner auf „seinen“ Tenerani, als dieser in einem umfassenden Sicherungskorsett aus Stahl für den Abtransport nach München auf einen Lkw gehoben wurde. An der Glyptothek wiederum waren Fingerspitzengefühl und Millimeterarbeit gefragt, als Experten einer Spezialfirma die Skulptur mittels Gabelstapler an ihren künftigen Bestimmungsort hoben und einpassten. „Da bleiben bis zuletzt die Nerven angespannt, ob alles gut geht oder ein Zwischenfall die ganze Arbeit gefährdet“, kommentiert Johann Brunner. Am 25. November soll die Skulptur bei einem Festakt der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

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