Der Ortsname „Stephanskirchen“ begegnet in unserer Region gleich drei Mal im Landkreis Rosenheim. Am bekanntesten ist Stephanskirchen als Name der Gemeinde Stephanskirchen, außerdem als Name eines Ortsteils jeweils in der Gemeinde Amerang und des Marktes Bad Endorf. Und bis 1961 wurde das Pfarrdorf und die Gemeinde Stefanskirchen in Mühldorf noch als „Stephanskirchen“ geschrieben. Und genau diese Gemeinde wurde in den frühen 30er-Jahren des 20. Jahrhundert auf guad Boarisch als „Stefeskiacha“ ausgesprochen, während die Rosenheimer Gemeinde desselben Namens im Dialekt damals „Stefiskira“ hieß. Der heilige Stephanus erfuhr als Träger des Namens der Rosenheimer Gemeinde dazu noch eine zweite Aussprache: „Stenkiacha“. Diese Aussprache kann aktenkundig nicht nur für 1930 bis 1934 belegt werden, sondern auch für das Jahr 2000, als dem Autor dieser Ortsnamenserie genau diese Aussprache, der Erinnerung nach wohl auch als „Steenkira“, von einem echten Stephanskirchner – Steenkiraner? – übermittelt wurde.
Für unser Boarisch bleibt hier festzuhalten: Ein Stephan oder Stefan ist ein bairischer „Schdeffi“. Sicherlich aber kein „Schdeen“. Die Verkürzung von Stephanskirchen zu „Stenkiacha“ ist wohl allein dem etwas lang geratenen Ortsnamen geschuldet. Auffällig: Bei „Sten“ entfällt das Genitiv-s, bei „Stefis“ ist es erhalten. Das n im Kirchennamen ist ein ursprüngliches Dativ-/Lokativ-Einzahl-n, das mit der Zeit auch in den ersten Fall (Nominativ) gerutscht ist. „Stephanskirchen“ bedeutet also ursprünglich: „Bei der Kirche des Hl. Stephanus“.
Aber woher kommen die Kenntnisse über die Aussprachen unserer Ortsnamen vor gut 90 Jahren? In der Fachzeitschrift „Blätter für oberdeutsche Namenforschung“, Ausgabe 44 aus dem Jahre 2007, haben die Namenforscher Josef Denz und Edith Funk, beide ehemalige Mitglieder der Kommission für Mundartforschung bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, den folgenden Artikel veröffentlicht: „Die altbayerischen Ortsnamen in den Fragebögen von Friedrich Maurer“. Professor Friedrich Maurer hatte Anfang der 1930er-Jahre Mundartfragebögen an die Schulorte in Bayern verschickt. In Frage 90 wurde nach den „Ortsnamen in mundartlicher Form“ gefragt. Josef Denz und Edith Funk haben 2007 diese Fragen samt den Antworten für Oberbayern, Niederbayern und die Oberpfalz publiziert. Die Fragen sind dort nach den damaligen Altlandkreisen, zum Beispiel Bad Aibling oder Wasserburg, geordnet und stehen in alphabetischer Reihenfolge. Für Bad Aibling sind beispielsweise die Namen von 24 Schulorten aufgeführt, für Rosenheim 56 Ortsnamen.
Unsere Untersuchung fast aller oberbayerischen Namen mit dem Grundwort „Dorf“ hat ergeben, dass in den Altlandkreisen Bad Aibling, Aichach, Ebersberg, Dachau, Ebersberg, Fürstenfeldbruck, Landsberg am Lech, Pfaffenhofen, Rosenheim, Schongau, Starnberg und Wasserburg jeweils „Darf“ – mit hellem a – gesprochen wurde: Litzldarf (AIB), Heachadarf, (Hechendorf, STA), Degandarf (Degerndorf, RO), Owandarf (Oberndorf, WS). In Mühldorf sprach man dagegen „Muidorf“ und „Mäidoaf“.
Eine wahre Fundgrube! Mehr Schmankerl daraus in der nächsten Folge. Armin Höfer