Die Geschichte der Hannover Scorpions ist wechselhaft und auch ein bisschen kurios. Ihre Ursprünge liegen in den frühen 90er-Jahren, als sich die in Mellendorf, einer Stadt im Speckgürtel Hannovers, gegründeten Wedemark Scorpions langsam, aber sicher als Rivale des damaligen EC Hannover (später Indians) etablierten. In flottem Tempo ging es von der Oberliga Nord über die 2. Bundesliga nach oben, bis man 1996 sogar in die damals noch junge DEL aufsteigen konnte. Die Stars der Mannschaft waren damals der jetzige Indians-Trainer Lenny Soccio und sein torgefährlicher Nebenmann Joe West. Während der Saison 1997/98 wurde aus dem „Wedemark“ ein „Hannover“, und so hieß der Klub auch am Höhepunkt seiner Historie 2010 Hannover Scorpions, als für viele überraschend mit dem unvergesslichen Hans Zach an der Bande die DEL-Meisterschaft gelang. Weitere Rosenheimer Beteiligung damals: der Tölzer Klaus Kathan, von 1998 bis 2000 ein Starbull.
2013 aber war es mit der Herrlichkeit vorbei. Nach zwei schwachen Jahren, in denen der Lokalrivale Indians (eine Klasse tiefer) die Scorpions in der Popularität überholt hatte, führten Streitigkeiten um die Nutzung der Halle und Probleme mit dem Hauptgesellschafter zum Ausstieg aus der DEL. Der sofortige Neuanfang im benachbarten Langenhagen (weiter unter dem Namen „Scorpions“) gelang wieder mit Lenny Soccio, diesmal als Trainer, in der Oberliga Nord, der der Klub seither angehört. Aber damit die Sache nicht zu einfach wird: Vor der aktuellen Saison fusionierten die Scorpions mit dem gleichnamigen Wedemarker Klub (ebenfalls Oberliga Nord) und kehrten zurück nach Mellendorf, wo alles begann.
Zum aktuellen Team: Die letzten beiden Spielzeiten lief es nicht so gut für die Scorpions. Vor zwei Jahren schied man in der ersten Play-off-Runde gegen Tilburg aus, im Vorjahr wäre man (noch ohne das Wedemarker Kontingent) als Drittletzter der Oberliga Nord beinahe abgestiegen. Heuer lief es nach der Bündelung der Kräfte wesentlich besser: vierter Platz im Norden und nun nach einer hart umkämpften Serie gegen Peiting im Viertelfinale.
Die Scorpions sind von der Kadertiefe her wesentlich breiter aufgestellt als die Indians und ähneln darin ein bisschen den Starbulls. Pro Spiel erzielten sie heuer 4,11 Tore (Rosenheim 4,22) und kassierten 3,39 (Starbulls 2,63). Dazu muss man wissen, dass im Norden generell mehr Tore fielen und gegen mehrere Underdogs (Preussen Berlin, Timmendorf, Braunlage) zweistellige Ergebnisse keine Ausnahme waren. Im Play-off erwies sich das Scorpions-Powerplay mit 17,9 Prozent etwas stärker als das der Starbulls (15,4 Prozent), in Unterzahl dagegen hatte Hannover Probleme. Sieben Powerplaytore gestattete man Peiting, und die Erfolgsquote im Penalty-Killing ist mit 70,8 Prozent wesentlich schwächer als Rosenheims 84,6 Prozent. Die Scorpions werden also versuchen müssen, weniger Strafzeiten zu kassieren als gegen Peiting (21,4 Minuten pro Partie, Rosenheim gegen die Indians nur 7,0).
Die offensive Firepower ist definitiv vorhanden. Mit dem Kanadier Chad Niddery (drei Tore im Achtelfinale) sowie Dennis Schütt, Sean Fischer und Christoph Koziol (je zwei) hatten die Scorpions vier Mehrfachtorschützen; elf verschiedene Spieler waren insgesamt erfolgreich. Zum Vergleich: Die Starbulls hatten ebenfalls vier mehrfache, aber nur acht Torschützen insgesamt, allerdings in nur vier Spielen. Bei älteren Fans tritt bei den oben genannten Namen sicher ein Wiedererkennungseffekt ein, und dies zu Recht. Nicht weniger als fünf Scorpions trugen schon zeitweise das Rosenheimer Dress, zwei von ihnen sogar über einen längeren Zeitraum. Dennis Schütt, den viele für den besten Verteidiger der Oberliga Nord halten, sammelte für die Starbulls in zwei Jahren DEL mehr Scorerpunkte als Tobias Draxinger in drei und gehörte 2008/09 auch zum Rosenheimer Oberliga-Kader. In derselben Saison verstärkte Sebastian Lehmann als Förderlizenzler aus Crimmitschau die Starbulls und kam auf 15 Punkte in 24 Spielen. Sean Fischer, Sohn des in Rosenheim heute noch unvergessenen Ron Fischer, war als blutjunger Stürmer 2006/07 mit vier Punkten in 17 Spielen nicht ganz so erfolgreich, hat sich aber in den letzten Jahren bei Weißwasser und Riessersee als Zweitliga-Stammspieler gehobener Qualität etabliert.
Die restlichen beiden haben eine längere und erfolgreiche Historie bei den Starbulls. Christoph Koziol kam 2001 aus Waldkraiburg zu den Starbulls und ging deren Weg von der Landesliga bis in die Oberliga mit, bis er den Klub 2006 nach drei Oberliga-Jahren verließ. In Hannover war er bei beiden Klubs, Indians und Scorpions, jahrelang einer der Besten. Außerdem spielte er unter anderem auch für Essen, Kassel und Landsberg.
Andrej Strakhov ist sicher noch in frischester Erinnerung. Von 2011 bis 2016 war er einer der Zweitliga-Leitwölfe bei den Starbulls. Seine 156 Scorerpunkte wurden nur von Tyler McNeely und Stephan Gottwald übertroffen. 2016 heuerte er bei den Scorpions als sportlicher Leiter an, wurde aber als „Nothelfer“ reaktiviert und ist in der laufenden Saison wieder voll mit dabei.
Allerdings haben außer Dennis Schütt (26 Jahre) alle Ex-Rosenheimer schon einige Jährchen auf dem Buckel: Fischer ist 32, Lehmann 33, Koziol 35 und Strakhov gar 39 Jahre alt. Ob Wiedersehen Freude macht (und für wen), wird die Serie am Mittwoch zeigen!