Februar 2018: Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft eilt bei den Olympischen Spielen in Südkorea von Überraschung zu Überraschung und holt in einem wahren Triumphzug die Silbermedaille. Im Kader mit dabei auch zwei Spieler aus dem Rosenheimer Nachwuchs: Patrick Hager und Sinan Akdag. 42 Jahre nach Bronze von Innsbruck hat das deutsche Eishockey sein zweites „Winter-Märchen“. In Rosenheim braucht man dafür nicht ganz so lange zurückblicken: Heute vor 25 Jahren wurde das vollendet, was einer wahren Sensation gleichkam. Nur ein Jahr nach dem freiwilligen Rückzug aus der Bundesliga schaffte eine eigentlich für die Oberliga zusammengestellte und dann plötzlich in die 2. Bundesliga eingeteilte Mannschaft den Wiederaufstieg ins Oberhaus – und damit das „Wunder von Rosenheim“.
Ex-Kapitän Ernst Höfner wurde Trainer und Manager
Patrick Hager war gerade mal drei Jahre alt, Sinan Akdag zwei und der Rosenheimer NHL-Tormann Philipp Grubauer noch nicht einmal ein Jahr, als sich der SB/DJK Rosenheim auf die neue Spielzeit vorbereitete. 14 Jahre Erstliga-Eishockey unter der SBR-Regie waren tränenreich zu Ende gegangen. Nun bereitete man sich auf die Oberliga vor, holte viele Rosenheimer Nachwuchsspieler zurück, zog eigene Junioren nach oben. Dazu kamen Routiniers wie Manfred Ahne, Butzi Reil und Ron Fischer, die dem SBR die Treue hielten, zwei neue Kontingentspieler mit Mark Teevens und Doug Derraugh und der Deutsch-Kanadier Rick Boehm, der beim SC Riessersee aussortiert wurde. Eine bunte, aber sehr gute Mischung, wie sich herausstellen sollte – auch für die 2. Bundesliga, für die man plötzlich vom Deutschen Eishockey-Bund eingeteilt wurde. Ernst Höfner gab die Kapitänsbinde auf dem Eis ab und übernahm diese Rolle an der Bande – er wurde Trainer und Manager.
Und während in Englands Fußball die Premier League installiert und als „altes Produkt in neuem Gewand“ verspottet wurde, bereitete Höfner sein neues Team im altbewährten grün-weißen Gewand vor. Bereits die Testspiele, fast allesamt in Bad Aibling ausgetragen, waren vielversprechend. 2:2 gegen Erstligist Hedos München, 3:4 gegen Bundesligist Düsseldorf, 3:5 und 4:2 gegen den Erzrivalen Landshut, 8:5 gegen Liga-Konkurrent SC Riessersee, wobei es nach 40 Minuten bereits 7:1 für den Sportbund hieß– die Fans hatten das neue Team, das bereits in der Vorbereitung unzählige Ehrenrunden drehen musste, schnell lieb gewonnen. Die Mannschaft erhält Lob von allen Seiten, DEG-Trainer Hans Zach spricht von einem „Team mit Zukunft“. Und Höfner hat alle Hände voll zu tun, dass die Gegenwart auf dem Teppich bleibt: „Wir werden in jedem Spiel kämpferisch alles geben, was wir drauf haben“, verspricht er.
Und Höfner sieht, dass mit dieser Mannschaft einiges möglich ist: „Uns rechne ich nicht zu den Favoriten, aber man wird einige Male aufhorchen“, sagt er vor dem Saisonstart. Und seiner Truppe gibt er mit auf den Weg: „Wir haben nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen.“ Vielleicht bricht auch deshalb keine Panik aus, als man nur einen Sieg aus den ersten vier Spielen holt. Zum Auftakt gab es einen 3:1-Erfolg beim EHC 80 Nürnberg. Manfred Ahne erzielte den ersten Saisontreffer und ein blutjunger Torhüter hielt fast alles, was auf seinen Kasten kam. „Marc Seliger bestätigte, dass er auf dem Weg ins Nationalteam kaum aufzuhalten sein wird“, schrieb der damalige OVB-Sportchef Edgar Scholtz.
Die Spiele in Iserlohn (trotz fünf Toren von Mark Teevens), Bayreuth und Augsburg gingen dann verloren, Höfner aber verbreitete Optimismus– weil er sah, was in der Mannschaft steckte: „Wir haben viel Substanz und können jeden schlagen.“ Übrigens mussten die vier Spiele alle auswärts ausgetragen werden, weil die Wartungsarbeiten im Rosenheimer Stadion nicht rechtzeitig fertig wurden. „Dass man natürlicherweise nicht allzugut auf die Stadt zu sprechen ist, versteht sich von selbst, nachdem nach Bekanntwerden der Sanierungswürdigkeit einige Wochen ohne jede Aktivität verstrichen“, hieß es damals im OVB.
Die Rosenheimer Truppe schüttelte sich aber ab und konzentrierte sich auf das Geschehen auf dem Eis – und wie: Der Heimpremiere gegen den EHC Essen-West (4:4 vor 4200 Zuschauern) folgte ein wahrer Siegeszug. 4:1 in Bad Nauheim, 5:3 in Memmingen, 5:1 gegen Riessersee, 6:4 gegen Kassel, 3:2 in Hannover, 8:3 gegen Weißwasser, 7:4 gegen Nürnberg, 7:5 über Iserlohn, 10:2 gegen Memmingen – plötzlich war der SBR im Spitzenfeld der Tabelle zu finden. Erstmals kamen über 6000 Zuschauer zu einem Heimspiel und das OVB beschrieb: „Die Verbundenheit der Fans mit ihrem Team wird immer stärker und es ist ein neues SBR-Gefühl entstanden.“ Ernst Höfner schwärmte: „Der Einsatz ist kaum zu überbieten.“
„Wir kommen auf dem Zahnfleisch daher.“
Ernst Höfner
Das Rosenheimer Spiel ist aber kräfteraubend: Nach dem 5:4-Sieg in Riessersee titelte das OVB: „An die Tabellenspitze gezittert.“ Es folgte ein 1:1 im Top-Spiel in Kassel, ehe eine 1:2-Heimniederlage gegen Hannover eine Serie von 13 ungeschlagenen Spielen mit 24:2 Punkten beendete. „Wir kommen fast auf dem Zahnfleisch daher“, meinte Höfner, dessen Team dann auch in Bayreuth verlor, dann aber im Spitzenspiel dem Augsburger EV vor 7100 Zuschauern in Rosenheim ein 4:4 abtrotzte. Der anwesende Bundestrainer Dr. Ludek Bukac war begeistert: „Danke für dieses Spiel.“
Der anschließenden Niederlage in Weißwasser folgten vier Siege am Stück: 9:2 in Bad Nauheim, 6:4 in Essen-West, 7:4 über Nürnberg und 5:1 in Iserlohn. Das Heimspiel gegen Nürnberg am 4. Dezember 1992 hatte aber ein kräftiges Nachspiel: „Unschöne Jagdszenen auf dem Eis“ lautete der OVB-Titel. Begonnen hatte alles mit einer Rauferei in der 16. Minute, die mit Fünf-Minuten-Strafen für zwei Nürnberger und den beiden Schädler-Brüdern auf Rosenheimer Seite endete. Als sich beide Teams zum zweiten Drittel aufs Eis begaben, streckte Nürnbergs Marcel Lichnovsky SBR-Spieler Herbert Schädler auf der Strafbank mit einem Tritt nieder – Kreuzbandriss! Thomas Schädler sprang seinem Bruder zur Seite und drosch dem Übeltäter den Schläger über den Kopf. Insgesamt gab es drei Matchstrafen und zwei Spieldauerstrafen, das Sportgericht verhängte zunächst eine fünfjährige Sperre für Thomas Schädler, die dann aber deutlich abgemildert wurde. Das Verfahren zog sich lange hin, am Ende wurde der jetzige Rosenheimer DNL-Coach für den Rest der Saison gesperrt.
Zwei Tage später gewann die Mannschaft ohne die Schädlers und Thomas Hieble, der sich bereits zuvor schwer verletzte und bis Saisonende ausfiel: „SBR steckte alles gut weg“, titelte das Oberbayerische Volksblatt. Es folgte eine Niederlage in Weißwasser, ehe vier ungeschlagene Partien in Serie das Jahr 1992 beendeten: Nach dem 11:1 über Memmingen drehte Ernst Höfner seine Ehrenrunde auf der Eismaschine, gegen Hannover gab es ein 5:2, in Kassel ein 2:2 und gegen Bayreuth beim Abschied von Wacki Kretschmer einen 5:2-Erfolg.
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